Podiumsdiskussion auf der main.IT 2013

Leidet guter Content an der Kostenloskultur im Netz?

| Redakteur: Dr. Gesine Herzberger

Die Diskutanten der main.IT: Andreas Von Gunten, Leander Wattig, Dr. Gunther Schunk, Tilman Hampl (Moderator) und Dirk Franke.
Die Diskutanten der main.IT: Andreas Von Gunten, Leander Wattig, Dr. Gunther Schunk, Tilman Hampl (Moderator) und Dirk Franke. (Bildquelle: marconomy)

Immer mehr Online-Zeitungen führen Bezahlmodelle für Inhalte ein. Das Hauptargument für eine Paywall ist dabei häufig, dass Qualität eben kostet. Anderswo gibt es schließlich auch nichts umsonst.

Nicht selten beruft man sich auch darauf, dass die Kostenloskultur im Internet nicht nur Zeitungen und Verlagen, sondern auch den Inhalten selbst Schaden zufüge. Doch ist das wirklich so? Muss Content im Netz Geld kosten, um die Branche zu retten? Gibt es andere mögliche Modelle? Und wie sieht die Zukunft aus? Diese Fragen waren Gegenstand einer illustren Podiumsdiskussion im Rahmen der main.IT in Eibelstadt bei Würzburg. Wikipedia-Autor Dirk Franke, Andreas Von Gunten, Gründer und Geschäftsführer von buch & netz, Dr. Gunther Schunk, Leiter Kommunikation und Corporate Marketing Vogel Business Media und Blogger Leander Wattig diskutierten unter der Führung von Moderator Tilman Hampl abwechslungsreich und kontrovers die Vor- und Nachteile von Selfpublishing, Zugangsbeschränkungen und das Überangebot guter Inhalte im Netz.

Bye-bye eingesperrte Inhalte

Die Meinungen der Diskutanten gingen dabei durchaus auseinander, was sicherlich nicht zuletzt auf die unterschiedlichen beruflichen und wirtschaftlichen Hintergründe zurückzuführen war. Leander Wattig, der sich unter anderem als Social Media Berater bei großen Verlagshäusern einen Namen gemacht hat, sieht Selfpublishing als eine logische Konsequenz des Internet: Jeder kann etwas schreiben, jeder kann veröffentlichen, kommentieren, teilen. Während Autoren früher vor dem Problem standen, wie sie ihre Bücher an den Mann bringen konnten, stellt man den Text heute einfach online – in der Regel kostenlos. Die Frage, die sich mittlerweile stellt, ist vielmehr: Wie falle ich bei all dem guten Content überhaupt noch auf? Wattig ist der Meinung, dass man sich von eingesperrten Inhalten verabschieden muss: „Sonst müssten wir das Internet abschalten. Jetzt gilt es, weiterzudenken und neue Formate zu wählen.” Auch Dirk Franke ist gegen Content hinter Mauern: „Ich bin froh, dass sich Wissen im Internet ohne Hürden verbreiten kann.” Und zum Thema Qualität muss Geld kosten: Franke und seine Kollegen bei Wikipedia arbeiten ehrenamtlich. Einmal im Jahr startet Wikipedia einen Spendenaufruf. „Die Tatsache, dass in Deutschland innerhalb von neun Tagen 250.000 Menschen 25 Millionen Euro gespendet haben, zeigt doch, dass Leute bereit sind, für Inhalt zu bezahlen.”

Die Mutter aller Kopiermaschinen

„Es gibt keine Kostenloskultur im Netz”, sagt Andreas Von Gunten. Er bezeichnet das Internet als die Mutter aller Kopiermaschinen: „Vor allem Hyperlinks und Longtails haben großes Potenzial. Dafür müssen Inhalte aber kostenlos sein und bleiben.” Geld verdienen kann man mit Content trotzdem, so der Verleger. „Man muss sich neue Formate überlegen, um Inhalte zu monetarisieren.” Verabschieden muss man sich dagegen von dem Gedanken, mit jeder Content-Nutzung Geld zu verdienen. „Man muss sich umstellen”, meint auch Leander Wattig: „Den Verlag oder die Buchbranche gibt es nicht mehr.” Gunther Schunk, viele Jahre selbst Redakteur und Textchef, bringt den Community-Begriff ins Gespräch: „Man muss gut sein, um mit seinen Inhalten in Themencommunities glaubhaft zu sein. Als Experte kann man sich zielgruppengenau aufstellen.” So wird man für Leser relevant, hebt sich von anderem Content ab und wird als zuverlässiger Ansprechpartner unersetzbar.

Potenzierung der Aufklärung

Von Gunten liefert schließlich den interessanten Vergleich zwischen dem Internet und dem Buchdruck: „Der Buchdruck hat schon große Fortschritte zur Verbreitung von Wissen gebracht und somit zur Aufklärung!” Das Netz sieht er als eine Potenzierung der Aufklärung: „Im Moment wird die Aufklärung Realität. Das war noch nie besser!” Einig sind sich die Diskutanten darin, dass wir uns derzeit mitten im Umbruch befinden. „Der Wandel ist normal und keine Zumutung oder ein persönlicher Angriff”, gibt Wattig zu bedenken. „Wir müssen jetzt eher gasgeben als bremsen”, meint er abschließend. Feststeht, dass die derzeit stattfindende Transformation viele Chancen bietet. Nicht nur für die Organisation von Wissen, sondern auch für neue Formate und Mechanismen, die alte Strukturen auffangen. „Darin liegt auch eine Aufgabe für die Politik”, so Schunk. „Denn auch in rechtlicher Sicht gibt es viel zu tun. Nur ein Stichwort ist das Leistungsschutzrecht.”

Zeit zum Umdenken

Fazit der Diskussion? Es gibt keine Kostenloskultur. Gute Inhalte leiden nicht daran, dass Nutzer nichts dafür bezahlen müssen. Zugleich ist eine Paywall kein Gradmesser dafür, ob Content gut ist oder nicht. „Ein Buch von einem Nobelpreisträger kostet ja auch nicht mehr als ein Roman von irgendeinem unbekannten Autor”, so Wattig. Seine Strategie für den Umgang mit Online-Inhalten? „Machen und Probieren!”

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