Interview „Zukunft des Einkaufs“

Procurement wird zu einer strategischen Aufgabe

| Redakteur: Georgina Bott

Der Einkauf muss sich heute verstärkt strategisch positionieren. Das heißt ein ganz klarer Fokus muss auf dem Wertbeitrag – Lieferanteninnovationen, Risikomanagement und die Sicherstellung einer nachhaltigen Supply Chain – liegen.
Der Einkauf muss sich heute verstärkt strategisch positionieren. Das heißt ein ganz klarer Fokus muss auf dem Wertbeitrag – Lieferanteninnovationen, Risikomanagement und die Sicherstellung einer nachhaltigen Supply Chain – liegen. (Bild: gemeinfrei / CC0)

Die Technologie verändert die Geschäftswelt. Besonders deutlich wird das im Einkauf. Denn der ist nicht mehr nur eine taktische Funktion, die sich nur auf Effizienz und Einsparungen fokussiert, sondern eine strategische Kraft, die Innovationen und messbare Wertbeiträge vorantreibt.

Basierend auf ihrer langjährigen Erfahrung im Einkaufswesen haben Dr. Marcell Vollmer, Chief Digital Officer von SAP Ariba und ehemaliger Chief Procurement Officer von SAP, und Prof. Dr. Karsten Machholz, Professor für Strategischen Einkauf und Supply Chain Management an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt eine Studie zur Zukunft des Einkaufs im zweiten Quartal 2017 veröffentlicht. Im Gespräch mit marconomy gehen die beiden Experten auf den aktuellen Status quo des Einkaufswesens ein und erläutern, welche Herausforderungen und Chancen die digitale Transformation mit sich bringt.

Wie sieht die Zukunft des Procurements aus?

Studie „Zukunft des Einkaufs“

Wie sieht die Zukunft des Procurements aus?

01.08.17 - Um uns herum ist alles digital. Dank verschiedener Technologien sind wir vernetzter als je zuvor und können viele Dinge schneller, effizienter, intelligenter und produktiver erledigen. Eine Studie hat nun die Zukunft des Einkaufs in in Hinsicht auf die Digitalisierung untersucht. lesen

Die digitale Transformation ist bereits angekommen und hat Auswirkungen auf fast jeden Berufszweig eines Unternehmens. Wie wird sich die Rolle des Einkaufs verändern und wie werden sich die Tätigkeiten in Zukunft weiterentwickeln?

Marcell Vollmer: Die Studie zeigt ganz deutlich, dass sich der Einkauf verstärkt strategisch positionieren muss, das heißt ein ganz klarer Fokus muss auf dem Wertbeitrag liegen. Im Gegensatz dazu waren früher die Einsparungen die wichtigste Leistungskennzahl. Der Wertbeitrag lässt sich in drei Kernbestandteile zusammenfassen: Lieferanteninnovationen, Risikomanagement und die Sicherstellung einer nachhaltigen Supply Chain. Die Studie bestätigt diese Faktoren, identifiziert aber darüber hinaus Prioritäten wie Predictive Analytics und Talent Management als weitere zentrale Elemente, um die Transformation zum strategischen Einkauf herbeizuführen. Die Bezeichnung „strategisch“ ist schon seit einigen Jahren im Gespräch, doch entscheidend ist Folgendes: Der Einkauf hat erkannt, dass die zunehmende Automatisierung operative und taktische Aufgaben verschwinden lässt und sich die Einkaufsfunktion dadurch nachhaltig verändern wird. Sie wird kleiner, ist dafür aber stärker auf strategische Themen ausgerichtet. Spannend zu beobachten ist, dass die Einkaufsfunktion nicht immer in einer aktiv treibenden, sondern oftmals in einer passiv abwartenden Rolle ist. Das wird sich ändern beziehungsweise ändern müssen. Denn sonst besteht die Gefahr, dass sich Aufgaben weiter dezentralisieren und von Fachabteilungen übernommen werden.

Karsten Machholz: Die strategische Ausrichtung beinhaltet aber auch, dass ein Verständnis für die Abläufe und Kernprozesse von anderen Abteilungen vorhanden sein muss. So sollte der Einkauf zum Beispiel die Grundzüge, die Herausforderungen und ein Teil des Fachvokabulars, zum Beispiel der F&E Abteilung, des Engineerings, Operations oder des Marketings verstehen, um mit ihnen auf Augenhöhe zusammenarbeiten zu können, so entsteht ein echter Mehrwert.

Welche weiteren Veränderungen und Innovationen werden aufgrund des digitalen Wandels noch zu erwarten sein?

Karsten Machholz: Viele operative und repetitive Arbeiten werden nach und nach verschwinden. Die Automatisierung spielt hier eine große Rolle und Fakt ist, dass wir mehr strategische Aufgaben mit weniger Mitarbeitern bewältigen werden. Der Einkauf wird in Zukunft hochautomatisiert arbeiten und viele Prozesse werden im Hintergrund, ohne menschliche Interaktionen ablaufen. Im Gegenzug werden viele neue, kreative und strategische Aufgaben entstehen, die nur von Menschen ausgeführt werden können. Dabei werden auf Daten basierende Vorhersagen und in fernerer Zukunft Vorgaben für den richtigen Zeitpunkt eines Kaufs von Waren oder Dienstleistungen getroffen werden können. Ein wichtiger Faktor der aktuell stark vorangetrieben wird, ist die End-to-End-Transparency in den Lieferketten; das spielt vor allem in Bereichen wie Healthcare und patientenzentrierten Supply Chains eine große Rolle.

Marcell Vollmer: Eine schnelle und nachhaltige Veränderung aller Einkaufsprozesse ist absehbar. Darunter fallen zum Beispiel 3D-Printing-Technologien, die Ersatzteile drucken und somit teilweise ganze Produktionsprozesse ersetzen können. Machine Learning und Robotics Process Automation (RPA) werden sich wiederholende und erlernbare Aufgaben bei transaktionalen Prozessen übernehmen können. Auch automatisierte Bestellprozesse und das integrierte Arbeiten mit Daten – sodass zum Beispiel anhand von Verkaufsverträgen bereits Produktionsplanungsprozesse angestoßen werden können – werden das Procurement grundlegend verändern. Außerdem erwarten Nutzer, insbesondere Millennials, die nun verstärkt den Arbeitsmarkt prägen, eine intuitive Bedienbarkeit bei allen Anwendungen. Ganz nach dem Motto: „Apple easy, Google fast“.

Um die digitale Transformation voranzutreiben, müssen alle Abteilungen eines Unternehmens miteinbezogen werden. Welche Rolle kann der Einkauf dabei einnehmen?

Marcell Vollmer: Zum einen fokussiert sich der Einkauf bereits zusehends auf eine enge Zusammenarbeit mit den anderen Geschäftsbereichen, um frühzeitig bei der Strategie mit eingebunden zu werden und Einfluss darauf nehmen zu können. Zum anderen erfolgt auch mit den Lieferanten eine engere, auf Innovationen ausgerichtete Zusammenarbeit – dies können wir zum Beispiel in der Automobilindustrie schon länger beobachten.

Karsten Machholz: Die Digitale Transformation des Unternehmens muss von der Geschäftsleitung ausgehen, ein Silodenken wäre gerade bei diesem Vorhaben nicht zielführend. Aufgrund seiner zentralen Position zu den Lieferanten, das heißt als Wissensträger und Innovationstreiber, muss der Einkauf aber eine führende Rolle einnehmen, um den digitalen Wandel voranzutreiben.

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