Interview zum digitalen Wandel „Die Digitalisierung betrifft jedes Unternehmen und jede Branche“

Redakteur: Georgina Bott

Ob als Angestellter oder als Chef eines Unternehmens – im Mittelpunkt der digitalen Transformation steht immer noch der Mensch, der sich dem Wandel stellen muss. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Unternehmen?

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Smartphone, Tablet, Laptop und Co. – die digitale Transformation ist in vollem Gange. Was viele vergessen: im Mittelpunkt der digitalen Transformation steht immer noch der Mensch, der sich dem Wandel stellen muss.
Smartphone, Tablet, Laptop und Co. – die digitale Transformation ist in vollem Gange. Was viele vergessen: im Mittelpunkt der digitalen Transformation steht immer noch der Mensch, der sich dem Wandel stellen muss.
(Bild: © Rawpixel)

Wie Individuum und Unternehmen vom digitalen Wandel profitieren können, welche Auswirkung die digitale Transformation auf die Gesundheit hat und warum sich Unternehmen in Richtung Digital Leadership entwickeln sollten, erklärt uns Markus Dohm, Leiter des Geschäftsbereichs Academy & Lifecare bei TÜV Rheinland, in einem Interview.

Herr Dohm, alle sprechen von der digitalen Transformation. Wo steht Deutschland dabei?

Markus Dohm: Wir sind hier nicht auf einer Insel. Digitalisierung betrifft jedes Unternehmen und jede Branche. Sie ändert alle Geschäftsmodelle und das bisweilen sogar radikal. Viele Unternehmen haben bereits eine Chance darin gesehen, sind bereits sehr erfolgreich unterwegs und konnten neue Arbeitsplätze schaffen. Trotzdem dominiert in Deutschland flächendeckend gegenüber dem digitalen Wandel noch eher Zurückhaltung. Auch unser Bildungswesen hat Nachholbedarf in punkto digitale Strategien. Wir müssen uns allerdings klarmachen, dass die digitale Transformation zahlreiche traditionelle Arbeitsplätze bedroht und wir heute Strategien für ein erfolgreiches Morgen brauchen.

Wie sollten Unternehmen auf den Wandel reagieren?

Was wir benötigen, ist Digital Leadership: Die Kompetenz, Unternehmen in der jeder Phase der digitalen Transformation richtig und erfolgreich zu führen und zwar so, dass Weiterentwicklung möglich ist – eine Weiterentwicklung nicht nur der Zahlen und Produkte, sondern der Menschen, die die Wertschöpfung im Rahmen eines disruptiven Wandels erbringen sollen – durch Befähigung, Motivation und Kompetenzaufbau. Denn der technische Fortschritt beschleunigt sich nun mal. Für Unternehmen, die den Anschluss an ihre Märkte nicht verlieren wollen, ist es kritisch, wenn sich einmal angeeignetes Wissen, das in Schulen, Hochschulen oder der dualen Ausbildung vermittelt wird, immer schneller entwertet.

Das gilt allerdings nicht nur für Organisationen, sondern auch für das Individuum. Die Fähigkeit, sich schnell in neue Aufgabengebiete einzuarbeiten und, sich ständig weiterzubilden, gewinnt immer mehr an Bedeutung, und zwar um den eigenen Arbeitsplatz nicht zu verlieren oder neue Tätigkeiten überhaupt übernehmen zu können.

Was in der Diskussion über Chancen und Risiken der Digitalen Transformation viel stärker in den Vordergrund rücken muss, ist das, was wir bei TÜV Rheinland den Erhalt beziehungsweise den Aufbau von „Employability“ nennen und daran haben Unternehmen angesichts der demografischen Entwicklung und des Fachkräftemangels ein vitales Interesse. Aber Employability, also „Beschäftigungsfähigkeit“, ist mehr als reine Arbeitskraft: Wir müssen in der Lage sein, so mit dem beständigen Wandel umzugehen, dass Individuum und Unternehmen davon profitieren und nicht zurückfallen oder sogar darunter leiden. Mitarbeiter müssen nicht nur qualifiziert sein, sondern auch motiviert und gesund. Hier sind Unternehmen in punkto betriebliches Gesundheitsmanagement viel stärker in der Pflicht als früher.

Welche Auswirkungen hat die digitale Transformation auf die Gesundheit?

Den Gesundheitsschutz der Arbeitnehmer und die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens miteinander in Einklang zu bringen, ist eine Herausforderung. Unsere Arbeitspsychologen und Arbeitsmediziner von TÜV Rheinland wissen: Erwerbstätige spüren den Veränderungs- und den technologischen Anpassungsdruck, sie klagen über „Information Overload.“ Es gibt signifikante Zusammenhänge zwischen Digitalisierung, emotionaler Erschöpfung (Burnout) und Konflikten zwischen Arbeit und Familie. Die heutigen Arbeitsanforderungen können das Privat- und Familienleben stark beeinträchtigen. Das ist eine Entwicklung, die doch keiner wollen kann.

Was könnte die Lösung für diese Problematik sein?

Wir alle müssen lernen, mit dem Wandel konstruktiv umzugehen und die Veränderung nicht nur zu akzeptieren, sondern zu gestalten. Mitarbeiter und Führungskräfte müssen den Umgang mit neuen Technologien beherrschen, aber auch sich selbst modernisieren können. Zugleich gilt es, Mitarbeitende für Chancen und Gefahren der Digitalisierung zu sensibilisieren und deren Selbst-Management-Fähigkeiten zu schulen. Das kann zum Beispiel der Lernprozess sein, in freien Zeiten digitale Abstinenz von der Arbeit zu üben.

Für manch einen Chef mag das schon ein großes Zugeständnis gegenüber dem Mitarbeiter sein. Aber auch Führungskräfte benötigen Unterstützung in Bezug auf Anforderungen und Gestaltungsmöglichkeiten der Digitalisierung. Auch sie müssen lernen, Arbeitszeitflexibilität zu schaffen, Home-Office-Möglichkeiten anzubieten und Teams auch auf die Entfernung zu führen, getreu dem Motto: Moderieren statt befehlen. Nur flexible Unternehmen können Arbeitsplätze schaffen und besetzen, die durch die Digitalisierung neu entstehen.

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Welche Kompetenzen brauchen die Mitarbeiter?

Wir befinden uns in einem Zeitalter, in dem unternehmerische Innovationen und wirtschaftliches Wachstum primär auf Wissen, Kreativität sowie Kommunikations- und sozialen Fähigkeiten basieren. Innovationsbereitschaft und -fähigkeit, verstärkte Eigenverantwortung und die Offenheit für lebenslanges Lernen zählen daher zu den Kernkompetenzen des digitalen Zeitalters.

Wie können die Menschen das leisten?

Indem man ihnen arbeitsintegrierte Lernszenarien als Chance und motivationale Formate anbietet, die auch psychologisch entlastend wirken können. Das bedeutet, dass die Mitarbeiter genau das Wissen und die Kompetenzen zu exakt dem Zeitpunkt erhalten, an dem sie es benötigen, um neue Aufgaben zu bewältigen. Lernangebote sollten modularer und fester Bestandteil der Arbeitsprozesse werden. Passen sie sich an die Bedürfnisse von Unternehmen und Mitarbeiter an, sind sie im Rahmen der Digitalen Transformation für beide Seiten auf jeden Fall ein Wettbewerbsvorteil.

Herr Dohm, vielen Dank für das Gespräch!

* Um Unternehmen darin zu unterstützen, mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den optimalen Weg der digitalen Transformation zu beschreiten, lädt TÜV Rheinland am 4. Mai 2017 zur 2. Innovationstagung ein. Unter dem Titel „Arbeit, Bildung und Gesundheit 4.0“ treffen sich in Köln Vordenker und aktiv handelnde Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Politik zum Erfahrungsaustausch.

Markus Dohm ist seit 2015 Bereichsvorstand Academy & Life Care bei TÜV Rheinland. Der Wirtschaftswissenschaftler und Diplom-Ingenieur für Bauingenieurwesen und Umwelttechnik blickt auf einen vielfältigen Erfahrungsschatz aus unterschiedlichen Fach- und Führungspositionen zurück.
Markus Dohm ist seit 2015 Bereichsvorstand Academy & Life Care bei TÜV Rheinland. Der Wirtschaftswissenschaftler und Diplom-Ingenieur für Bauingenieurwesen und Umwelttechnik blickt auf einen vielfältigen Erfahrungsschatz aus unterschiedlichen Fach- und Führungspositionen zurück.
(Bild: © TÜV Rheinland)

Über Markus Dohm

Markus Dohm ist seit 2015 Bereichsvorstand Academy & Life Care bei TÜV Rheinland. Der Wirtschaftswissenschaftler und Diplom-Ingenieur für Bauingenieurwesen und Umwelttechnik blickt auf einen vielfältigen Erfahrungsschatz aus unterschiedlichen Fach- und Führungspositionen in der Industrie, der Bundeswehr und bei TÜV Rheinland zurück. Als Bereichsvorstand Academy & Life Care verantwortet er das globale Dienstleistungsangebot des TÜV Rheinland auf dem Gebiet des Gesundheitsmanagements, der Arbeitssicherheit und der Qualifizierung von Fach- und Führungskräften.

Über TÜV Rheinland
Der Geschäftsbereich Academy & Life Care bei TÜV Rheinland bündelt die Kompetenzen rund um den Menschen an seinem Arbeitsplatz und in seinem beruflichen Umfeld. Unter dem Motto „Gesund, motiviert und qualifiziert“ ist TÜV Rheinland mit über 70 Standorten die erste Adresse für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz. Darüber hinaus ist er der führende, technisch orientierte Lerndienstleister im deutschen Markt, der analoge und digitale Lernlösungen (u.a. E-Learnings & Gamification) mit maßgeschneiderten Plattformangeboten für das systematische betriebliche Weiterbildungsmanagement verknüpft. Mit umfassenden Angeboten zur Arbeitssicherheit und Qualifizierung der Menschen leistet TÜV Rheinland einen wichtigen Beitrag dazu, dass der Einzelne ebenso wie Organisationen die digitale Transformation meistern und ihre Chancen nutzen können.

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