Künstliche Intelligenz

Digital-Gipfel 2018 – zwischen Wunsch und Wirklichkeit

| Autor: Lisa Marie Waschbusch

Angela Merkel spricht auf dem Digital-Gipfel der Bundesregierung vor mehr als 1.000 Vertretern aus Politik, Industrie und Gewerkschaften.
Angela Merkel spricht auf dem Digital-Gipfel der Bundesregierung vor mehr als 1.000 Vertretern aus Politik, Industrie und Gewerkschaften. (Bild: Lisa Marie Waschbusch)

Am Dienstag trafen sich Vertreter aus Politik, Industrie und Gewerkschaften zum 12. Digital-Gipfel in Nürnberg. Im Fokus standen Künstliche Intelligenz und Datenschutz. Doch auch der kommende Mobilfunkstandard bekam sein Fett weg.

„Dieser Gipfel ist kein Gipfel wie jeder andere. Dieser Gipfel ist eine Wegscheide“, erklärt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier zu Beginn des 12. Digitalgipfels der Bundesregierung am Dienstag in Nürnberg. Denn Künstliche Intelligenz (KI) sei vermutlich die größte Erfindung seit der Dampfmaschine und werde als Basistechnologie künftig alles – nicht nur den Industriesektor – verändern. „Wir brauchen eine Art Airbus für Künstliche Intelligenz“, so Altmaier vor den mehr als 1.000 Vertretern aus Wirtschaft, Gewerkschaften, Wissenschaft und Gesellschaft und verweist auf die Erfolgsgeschichte des Flugzeugbauers.

In seiner Einführungsrede zeigte er die Chancen der Technologie für die deutsche Wirtschaft auf. Doch vermutet er, deren Fokus könne sich in Zukunft möglicherweise auch verändern: „B2B ist die größte Stärke der deutschen Wirtschaft, trotzdem glaube ich, die Zukunft der Wirtschaft liegt zum großen Teil auch im Bereich der Plattformökonomie.“ Plattformen, wie Google oder Facebook, müsse es auch in Europa geben. Insbesondere in der Mobilität sieht der CDU-Politiker großes Potenzial: Er spricht von einer Mobilitätsplattform, die es vom Fahrrad über das Auto, die Bahn, den Bus und das Flugzeug, mit einem Tastendruck ermöglicht, Mobilität weltweit zu organisieren. Dafür müssten Mobilitätsunternehmen wie die Deutsche Bahn, Lufthansa und diverse Autobauer, „ihre PS gemeinsam auf die Straße“ bringen.

Vergangenen Monat hatte die Bundesregierung auf einer Digitalklausur in Potsdam beschlossen, drei Milliarden Euro in Künstliche Intelligenz zu investieren. Neben Altmaier diskutierten auf dem Digital-Gipfel unter dem Motto „Künstliche Intelligenz – ein Schlüssel für Wachstum und Wohlstand“ auch Bundeskanzlerin Merkel, Forschungsministerin Anja Karliczek, Justizministerin Katarina Barley, Verkehrsminister Andreas Scheuer sowie der bayerische Ministerpräsident Markus Söder über die Umsetzung der KI-Strategie der Bundesregierung, sowie wichtige Anwendungsbereiche für KI in Produktion, Mobilität und Medizin. Insbesondere in Letzterer bietet KI enorme Potenziale, wenn es um selbstlernende Medizinsoftware oder Präzisionsmedizin geht. „KI wird uns nicht unsterblich machen, aber gesünder“, so Joachim Hornegger, Präsident der Universität Erlangen-Nürnberg.

„Mehr Daten bedeutet nicht gleich weniger Datenschutz“

Übergeordnet fand in weitestgehend jedem Vortrag auch eine Diskussion über den Umgang mit Daten, deren Schutz und ethischen Richtlinien statt. Dass der Datenschutz in Deutschland der Entwicklung von KI im Wege steht, hält Altmaier für unwahrscheinlich. Man müsse sich so langsam von der Vorstellung lösen, dass mehr Daten weniger Datenschutz bedeuten, sagt er.

Kanzlerin Merkel äußert sich in Sachen Datenschutz deutlich klarer. Sie glaubt, wenn Menschen nach 70 Jahren sozialer Marktwirtschaft nur hinten rum ausgebeutet würden und kostenlose Datenlieferanten seien, dann sei die „Endkonsequenz die Vernichtung der Individualität“. Daher müsse man eine Balance zwischen dem Schutz der Privatsphäre und dem Nutzen der Daten finden. Eine Balance zwischen einem chinesischen Überwachungs-System und dem Umgang mit Daten in den USA.

„Wollen wir wirklich Füchse und Vögel mit 5G beglücken?“

Doch anders als bei Daten, habe die Gesellschaft das Heft des Handelns beim Thema 5G selbst in der Hand, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg in seiner Keynote am Nachmittag. Nicht verwunderlich also, dass sich, so Berg, die „Republik in Sachen Breitband in einem Wünsch-dir-was-Modus“ befinde. Autobauer wollen 5G in jeder Straße, Bauern auf jedem Acker und die Politiker überbieten sich mit Versprechen, dabei bestehe Deutschland zu einem Drittel aus Wäldern. „Wollen wir wirklich Füchse und Vögel mit 5G beglücken?“, fragt er ins Plenum. Das könne nicht der richtige Weg sein. Einen Zwang zum Ausbau von 5G lehnt Berg ab. Um die Technologie flächendeckend anbieten zu können, müsse man rund 600.000 Funkmasten aufstellen, was wiederum gigantische Investitionen bedeute.

Kanzlerin Merkel, die nach eigenen Worten die Diskussion um 5G mit Erstaunen verfolgt hat, fügt dem hinzu: „Nicht überall braucht man die Tonqualität der Berliner Philharmonie, aber überall sollten zumindest Töne zu hören sein.“ Sie ist sich sicher, wenn es kein Funkloch mehr gäbe, würde das Interesse an 5G nicht so groß sein.

Fehlende Zugkraft

Insgesamt äußerten die Vortragenden viele Ambitionen und Pläne, allerdings liegen Wunsch und Wirklichkeit oft noch weit auseinander. Telekom-Chef Timotheus Höttges sagt, hierzulande werde bei KI zu viel geredet, zu viel reguliert und zu wenig gehandelt. Bundeswirtschaftsminister Altmaier sagte bereits in seiner Eröffnungsrede, möglicherweise habe man in manchen Bereichen sogar zu lange gewartet.

„Manche fragen uns, warum wir uns so intensiv mit diesen Entwicklungen der nächsten zwei, zehn, fünfzehn Jahre beschäftigen“, so Altmaier „Ganz einfach, weil es keine Entwicklungen sind, die von der Politik entschieden werden. Wir werden nicht entscheiden, wie die nächsten Schritte der digitalen Entwicklung weitergehen“. Deshalb müsse man all diejenigen, die als Unternehmerinnen und Unternehmer unterwegs sind, die sich vorbereiten und dafür sorgen, dass wir nicht zurückfallen, unterstützen.

Am Nachmittag schließt Angela Merkel den Gipfel lobend: „Es war wieder ein wichtiger Digital-Gipfel. Einer, der danach ruft, die Arbeit fortzusetzen.“ Wo der nächste Gipfel stattfinden soll, konnte die Bundeskanzlerin noch nicht sagen. Die Strategie der Bundesregierung soll Deutschland zur führenden KI-Nation machen. Wie genau das passieren soll, bleibt auch nach dem Gipfel weitestgehend unklar.

* Dieser Beitrag erschien zuerst auf unserem Schwesterportal Industry of Things.

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