Tech- und Gründerszene

Digitalisierung – was Deutschland von Finnland lernen kann

| Autor / Redakteur: Bernhard Pluskwik / Georgina Bott

Nicht nur in der Metropolregion Helsinki reißen sich internationale Unternehmen um die Startups und ICT-Experten. Auch die Stadt Oulu wird man sich merken müssen.
Nicht nur in der Metropolregion Helsinki reißen sich internationale Unternehmen um die Startups und ICT-Experten. Auch die Stadt Oulu wird man sich merken müssen. (Bild: gemeinfrei / CC0)

Ob Estland, Lettland, Israel oder Finnland – es sind vor allem die „Kleinen“ in Europa und Nahost, die bei der Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft Tempo machen. Wir zeigen am Beispiel Finnland, was möglich ist, wenn agile Politik, eine gesunde Veränderungsbereitschaft und lebensnahe Innovationskultur zusammenkommen.

Die ersten Dezembertage in Helsinki sind vor allem eins: ungemütlich. Selbst der Schnee, der die Polarnacht ein bisschen aufhellen könnte, lässt auf sich warten – und trotzdem ist in der Stadt fast kein bezahlbares Hotelzimmer zu bekommen: Es ist Slush-Saison. Slush ist in wenigen Jahren zum Magneten der globalen Tech- und Gründerszene geworden. Allein 2017 kamen 2.600 Startups und 1.600 Investoren, ein zweitägiges „Burning Man meets TED“. Noch immer wird das Event so lässig von Studenten der Aalto-Universität organisiert, als wäre es irgendein Hackathon für Informatik-Viertsemester. Dabei steht Slush beispielhaft für ein Land, das neu geboren wurde und sich neu erfunden hat. Für das finnische Wunder.

Am Anfang dieses Wunders stand 2014 eine Katastrophe. Nokia, der stolze Weltmarktführer, hatte gerade die traurigen Überreste seines Handy-Geschäftes an Microsoft verkauft. Trug 2007 weltweit noch mehr als jedes zweite Endgerät das Nokia-Logo, brach der Marktanteil bis Ende 2013 auf 3,5 Prozent ein. Ein Niedergang, der nicht nur ein Unternehmen ins Herz traf – sondern ganz Finnland und seine Menschen. Nur Monate später gab Microsoft bekannt, die Hälfte der 25.000 übernommenen Nokia-Mitarbeiter zu entlassen. Die Folge: Höchstqualifizierte Entwickler, Programmierer, Produktdesigner und Produktionsfachleute standen auf der Straße.

Krise? Chance? Beides

Wer heute in Helsinki landet, glaubt, einen Zeitsprung hinter sich zu haben. In wuseligen Gründerzentren teilen sich Start-up-Unternehmer Müslipackungen und schnelles Internet. Ein vorausschauender und agiler Staat hat Hand in Hand mit der Wirtschaft mitgeholfen: durch Förderprogramme, durch gezielte Ansiedlung von Gründerzentren und durch Business Angels, die bei der Finanzierung helfen. 2016 investierten finnische Business Angels Networks in 400 Startups – fast doppelt so viele wie in Deutschland, bei nicht einmal einem Fünfzehntel der Einwohnerzahl. Schon in der akuten Krisenzeit hatten ehemalige Nokia-Mitarbeiter bis 2013 rund 400 Unternehmen gegründet und wurden dabei mit bis zu 25.000 Euro je Mitarbeiter unterstützt. Kein Strohfeuer, sondern nachhaltige Entwicklung:90 Prozent der Firmen sind heute noch am Markt. So etwas nennt man „Krise als Chance nutzen“.

Auch Nokia ist längst wieder da, konzentriert sich erfolgreich auf sein Netzwerkgeschäft und IoT-Lösungen. Der IoT-fähige Standard 5G steht in den Startlöchern, der Nachfolger 6G reift schon in den Entwicklungslabors. Kein Wunder, dass Finnland bei Entwicklung und Nutzung des Internet der Dinge weltweit auf Platz drei steht. Wo ist Deutschland?

Intelligenteste Community der Welt

Warum das kleine nordische Land laut Weltwirtschaftsforum die innovativste Gesellschaft Europas ist, zeigt sich auch im Innovation Garden von Espoo – in diesen Tagen sogar zur „Most Intelligent Community in the World 2018“ gekürt. In einem schnöden Containergebäude präsentieren sich die Start-ups gern in Zehn-Minuten-Pitches. Das „Battery-Swap“-Konzept für den Elektroboliden Toroidion ist hier entstanden – während man sich bei anderen E-Autos schon über Ladezeiten von 20 Minuten freuen würde, ist ein Toroidion nach 20 Sekunden oder schneller wieder startklar: Die Batterie wird einfach getauscht.

Auch im Kleinen geht die Post ab. Christian Lindholm hat mit seinem Partner Terho Niemi von KoruLab den Speicherplatz für Wearables um märchenhafte 99,9 Prozent reduziert (Eigene Angabe der KoruLab Oy). Auf ein Tausendstel also. Heißt, drastisch weniger Energieverbrauch oder aber ein riesiges Spielfeld für völlig neue Funktionalität. „It seems so simple“, fragt einer der Zuhörer, “why didn’t anyone else have the idea?“ „It took five years of my life and another two of Tiemi’s life “, antwortet Lindholm höflich. „Not so easy“, sagt der Zuhörer. „Not so easy“, sagt Lindholm und wartet auf die nächste Frage.

Von Gaming und Augmented-Reality-Anwendungen bis zu smarten Stromnetzen hat sich das Land in die weltweite Elite katapultiert. Auch Mobilität wird zum Service: Mit einem Ticket von Tür zu Tür, vernetzte Verkehrsmittel nutzend, flexibel abrufbar und nicht teurer als das eigene Auto – in Helsinki ist es Fakt. Mit dem Act on Transport Service hat der Staat die gesetzliche Grundlage geschaffen; das clevere Startup MaaS Global hat mit seiner Mobilitäts-App Whim das schnell wachsende Feld international besetzt. Und mit der japanischen Denso Automotive kommt ein Investor hinzu, den man auf den ersten Blick hier nicht vermutet hätte. Doch die Allianz mit MaaS Global ergibt Sinn, findet CTO Kazu Matsugatani: „Wir erforschen nicht mehr nur das Potential des Fahrzeugs. Wir wollen für die neue mobile Gesellschaft der Zukunft Wert schaffen, und hier bietet Finnlands Tech-Community faszinierende Möglichkeiten.“

Artificial Intelligence in der Arktis

Nicht nur in der Metropolregion Helsinki reißen sich internationale Unternehmen um die Startups und ICT-Experten. Auch in Brutzentren wie Oulu, schon in Reichweite des Polarkreises. „Hauptstadt der Arktis“ wird die etwas nüchterne 200.000-Einwohner-Stadt inmitten endloser Birken- und Kiefernwälder genannt. 38 Jahre Durchschnittsalter, mehr als jeder dritte Einwohner mit Universitätsabschluss, einer von 13 „smartest places on earth“ (Business Oulu: Invest in Oulu) – den Namen Oulu wird man sich merken müssen.

„In Oulu teilen Infrastruktur-, Software-, Anwendungsentwickler und der öffentliche Sektor ihr Wissen in einem offenen Ökosystem“, sagt Petri Karinen, Senior Advisor bei Business Oulu. „Alle zusammen glauben wir an die Digitalisierung, ohne die kaum eine Gründungsidee denkbar ist – von AI-Anwendungen bis zu ganz handfesten Kreislauflösungen für Industrieabfälle. Und weil wir die Natur lieben, digitalisieren wir sogar unsere Wälder – zum Beispiel scannen wir Waldgebiete, erfassen sturmgeschädigte Gebiete und speisen die Koordinaten direkt in die digitalen Karten der Holzfäller ein.“

Finnland ist eine der innovativsten Gesellschaften Europas.
Finnland ist eine der innovativsten Gesellschaften Europas. (Bild: gernBotschaft)

Raus aus dem Inkubator

Je früher die Startups aus dem Inkubator herauskommen und Anwendungspartner im In- oder Ausland finden, desto besser. TactoTek® etwa – ein Name, den nur Finnen mit der gebotenen Härte aussprechen können – ist schon so weit. Das Spin-Off aus dem Gründer- und Forschungszentrum VTT von Oulu stellt mit der IMSETM-Technologie – Injection Molded Structural Electronics – ultradünne Oberflächen mit integrierten LEDs her. Nichts deutet darauf hin, dass sich etwa in einem automobilen Edelholzimitat interaktive Bedienelemente verbergen könnten. „Winken Sie mal mit einer Hand“, fordert Gründer und Mastermind Antti Kärenen auf. „Durch Ihre Handbewegung werden die LED-Elemente sichtbar – und ziehen sich nach der Interaktion mit dem Benutzer wieder dezent zurück“.

Rund 23 Millionen Dollar an Investorengeldern hat das Unternehmen erst kürzlich mit solchen Ideen und Patenten eingesammelt, unter anderem von feinen Adressen der Automobilzulieferbranche wie Faurecia, Nanogate oder Plastic Omnium (Eigene Angabe der TactoTek Oy). Dabei ist TactoTek nur ein Beispiel für die bis zu fünf Ausgründungen, die das VTT Jahr für Jahr registriert. Die Durchschnittsbilanz dieser Spin-Offs: eine jährliche Umsatzverdoppelung – und 300 neue Arbeitsplätze pro Unternehmen

Angst vor der eigenen Courage

Eins allerdings würde weder Antti Kärenen noch irgendein anderer finnischer Gründer, Unternehmer oder Wirtschaftsförderer tun: die eigenen Leistungen ins Rampenlicht rücken. Warum, das verdeutlicht ein schöner Cartoon. Er zeigt, wie ein Moderator auf einer Veranstaltung einen finnischen Entwickler namens Mika ankündigt. „Mikas Entwicklung wird die Welt verändern“, ruft der Moderator, während Mika verschämt in sein Notebook zu kriechen scheint. „Erleben Sie eine Revolution“, heizt der Moderator das Publikum an, während Mika noch weiter in sich zusammensinkt. Und als der Moderator herausschreit: „Meine Damen und Herren, Bühne frei für Mika“, schleicht sich Mika mit den Worten aus dem Raum: „Oh, vergessen Sie‘s. Es ist nichts, über das sich zu reden lohnt“.

Beim Verkaufen haben sie also manchmal noch etwas Aufholbedarf, die Innovationstreiber aus dem Norden. Verstecken müssen sie sich – als weltweite Nummer vier in puncto Digitalisierung der Wirtschaft – ganz sicher nicht. Und wenn man als deutscher Besucher an die langwierigen Genehmigungsprozesse, die Gründungsmüdigkeit im eigenen Land denkt, könnte man fast ein bisschen demütig werden. Oder sich lieber von den „Kleinen“ inspirieren lassen, die in der Digitalisierung ganz groß sind. Weil sie schnell, entschlossen, unkompliziert und transparent sind: wie Estland, Lettland, Israel – oder eben Finnland.

* Bernhard Pluskwik gehört zu den Gründern und Inhabern der gernBotschaft.

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