Kommentar

Stehen wir am Ende des freien Internets?

| Autor / Redakteur: Peter Mühlmann* / Burkard Müller

Steht das freie Internet, wie wir es kennen, vor dem Aus?
Steht das freie Internet, wie wir es kennen, vor dem Aus? (Bild: gemeinfrei / Pixabay)

2019 feiert das World Wide Web seinen 30. Geburtstag. Die Vision der Plattform sowie allen unbegrenzten Zugriff und das Teilen von Informationen zu ermöglichen, hat sich erfüllt. Doch in mancher Hinsicht ist das freie Internet auch ein fundamentaler Fehlschlag.

Heute scheinen zwei Modelle des Internets vorzuherrschen: Eines in der westlichen Welt, das von einem kleinen, jedoch einflussreichen Kreis von Technologieunternehmen geformt wird. Sie bestimmen und steuern unsere Internetnutzung in hohem Grad. Trotz guter Absichten sind diese Unternehmen Opfer ihres eigenen Erfolgs und des Verlangens vieler geworden, das Internet zu nutzen, um die Wahrheit zu verdrehen, Menschen zu manipulieren und Resultate in ihrem eigenen Sinne zu beeinflussen.

Das andere Modell wird von autoritären Regimen geformt und gesteuert, in denen Regierungen versuchen, die Nutzung des Internets durch eine strikte, datenbasierte staatliche Lenkung zu kontrollieren. Beiden Modellen ist gemein, dass sie letztendlich das Ende des freien Internets bewirken können.

Das freie Internet ist bedroht und das sollte Sie kümmern

Das freie Internet bietet zahlreiche Möglichkeiten. Tim Berners-Lee hob hervor, dass es uneingeschränkten Zugang zu Informationen sowie deren freie Bereitstellung und Verbreitung ermöglicht. Es befähigt Menschen auf der ganzen Welt, daran teilzuhaben. Die Idee der Schaffung eines „globalen Dorfes“, das auf Zusammenarbeit basiert und in der Lage ist, das in kleinen Gemeinschaften oftmals bestehende Maß an Vertrauen auszuweiten, ist ebenfalls in mancher Hinsicht Wirklichkeit geworden, jedoch nicht überall – und dieses Konzept ist zweifellos in Gefahr.

Wie wir alle im Skandal um Cambridge Analytica 2018 sehen konnten, zeigen die Verbreitung falscher Informationen und die Irreführung durch Fake News, dass ein freies Internet nicht nur zahlreiche Möglichkeiten bietet, sondern auch das Risiko des Missbrauchs birgt. Manch einer mag die Schönheit und die Stärke eines freien Internets langsam bezweifeln. Vielleicht zu Recht. Dennoch sollten wir uns diesen Herausforderungen stellen, anstatt einfach abzuschalten, was zugänglich bleiben sollte.

Copenhagen Letter: Es ist Zeit, zu handeln

Wir müssen das freie Internet daher zurückerobern. Dafür wird die Mitarbeit aller benötigt: Jeder von uns, der online ist, muss Fake News und die Verbreitung falscher Informationen bekämpfen – und Transparenz fordern. Unternehmen müssen offen und transparent agieren, sodass die Menschen verstehen können, was ihrem Handeln zugrunde liegt.

Als Gründer und Geschäftsführer eines Technologieunternehmens stehe auch ich in der Verantwortung. Durch die Unterzeichnung einer internationalen Initiative namens Copenhagen Letter habe ich mich daher dazu verpflichtet, die Vertrauenswürdigkeit zum Herzstück meines Unternehmens zu machen.

Wie dieser offene Brief betont, ist es „an der Zeit, Verantwortung für die Welt, die wir schaffen, zu übernehmen. An der Zeit, die leere Rhetorik vom ‚Aufbau einer besseren Welt‘ durch eine Verpflichtung zu wirklichem Handeln zu ersetzen.“ Auch wenn der Brief bereits 2017 veröffentlicht wurde, ist sein Inhalt heute offenbar relevanter denn je, und ich kann andere nur dazu ermutigen, ihn ebenfalls zu unterzeichnen. Dadurch zeigen wir nicht nur Flagge, sondern verpflichten uns auch dazu, Verantwortung zu tragen. Darüber hinaus wird gewährleistet, dass wir das Warum für unser Handeln und wie es den Menschen und der Gesellschaft zugutekommt, nicht aus den Augen verlieren.

Peter Holten Mühlmann, CEO und Gründer von Trustpilot.
Peter Holten Mühlmann, CEO und Gründer von Trustpilot. (Bild: gemeinfrei / CC0)

Staatsorgane sollten ebenfalls helfen

Wenn wir diese Herausforderungen meistern wollen, reicht es allerdings nicht aus, hierbei ausschließlich auf Unternehmen zu setzen. Auch Staatsorgane müssen die Spielregeln unserer freien Online-Welt unterstützen und durchsetzen. Letztes Jahr belangte ein italienisches Strafgericht den Eigentümer eines Unternehmens, das Anbietern im Hotel- und Gastgewerbe gefälschte Bewertungen auf TripAdvisor feilbot. Natürlich müssen staatliche Instanzen vorsichtig sein, wenn es in der Online-Welt um die Entscheidung geht, was „wahr“ ist und was nicht, da dies eine Einschränkung der Meinungsfreiheit bedeuten könnte. Das resolute Vorgehen gegen Betrüger ist jedoch auch ein gutes Beispiel, das sich andere Staatsorgane zum Vorbild nehmen können.

Jeder User kann mitwirken!

Es zeigt sich nicht nur, welche Kraft die Meinung der Menschen online entfalten kann. Sondern auch, dass wir alle mehr Verantwortung übernehmen und umdenken müssen, wenn wir das freie Internet, eine der größten Erfindungen unserer Zeit, schützen und fördern wollen.

Dies sind nur einige der erforderlichen Maßnahmen. Sie auch in die Tat umzusetzen, ist keine leichte Aufgabe. Doch es ist ein Anfang, und ich bin überzeugt, dass es zu schaffen ist und dass es sich zu kämpfen lohnt. Jeder Internetnutzer, das ist mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung, hält einen Schlüssel zum freien Internet in der Hand. Es liegt in unser aller Interesse, dafür zu sorgen, dass niemand ihn nutzt, um die Tür zu schließen und zu verriegeln.

* Peter Mühlmann ist Gründer und Geschäftsführer von Trustpilot.

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