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China Market Insider Kanton-Messe 2020 – Das größte Experiment im virtuellen Kongress- und Messewesen

| Autor / Redakteur: Henrik Bork* / Lena Müller

Die Kanton-Messe, Chinas größte Exportmesse, wird zum ersten großen Testfall für das virtuelle Messewesen in Corona-Zeiten – ein Prestige-Projekt sowohl für die Regierung wie auch für den Internet-Riesen Tencent. Die Kanton-Messe ist Chinas älteste und wichtigste Handelsmesse und von ihrer wirtschaftlichen Bedeutung her mit der Hannover-Messe in Deutschland vergleichbar.

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Mit dem Format „China Market Insider“ berichtet marconomy regelmäßig über Marketing-Trends in China.
Mit dem Format „China Market Insider“ berichtet marconomy regelmäßig über Marketing-Trends in China.
(Bild: gemeinfrei / Unsplash )

Wer sich für die Zukunft der Messeindustrie interessiert, der sollte wohl über einen Besuch der nächsten Kanton-Messe nachdenken. Sie wird voraussichtlich Mitte Juni online stattfinden und könnte eines der größten Experimente in puncto virtuelles Kongress- und Messewesen werden, das die Welt bis jetzt gesehen hat. Die Veranstalter und Chinas Regierung haben angekündigt, die Messe zu einer Demonstration modernster Kommunikations- und Marketingkanäle zu machen. Laut der Zeitung Nanfang Ribao habe Chinas führendes Internet-Unternehmen Tencent den Zuschlag erhalten, die Messe mit Hilfe von Cloud-basierten Plattformen, Live-Streaming-Events und existierenden Apps wie WeChat oder Tencent Meeting zu organisieren.

Nicht nur werden alle Großveranstaltungen während der Messe online stattfinden. Ausstellern wird zudem rund um die Uhr ein Raum für Live-Sendungen zur Verfügung stehen. Chinesische und ausländische Geschäftsleute können entweder in Webinaren direkt miteinander verhandeln oder ihre Produkte und Dienstleistungen per Live Streaming ausstellen, berichtet die Nanfang Ribao.

Die Messe wird zur staatlichen „Chefsache“

Chinas kommunistische Staats- und Parteiführung spielt im Zuge der Digitalisierung des Events eine große Rolle, denn sie hat die Ausrichtung der größten Messe des Landes zur „Chefsache“ erklärt und macht ganz öffentlich Druck auf die Veranstalter sowie ihren technischen Dienstleister Tencent: Es soll ein Vorzeige-Event mit „Wow-Faktor“ entstehen. Man „fordere die Beschleunigung, Modernisierung und Innovation der Ausstellungsindustrie”, heißt es in einem gerade erlassenen Ukas des Pekinger Handelsministeriums.

Die Beamten wollen möglichst schnell „den vollen Einsatz von 5G, virtueller Realität (VR) und erweiterter Realität (XR oder Extended Reality) sehen“, heißt es in dem offiziellen Dokument. Chinesischen Medienberichten der vergangenen Tage zufolge ist die Kanton-Messe nun für die Zeit vom 15. bis 24. Juni geplant. Dieser Termin ist jedoch noch nicht offiziell.

Große wirtschaftliche Bedeutung

Die „127. Chinesische Import- und Exportmesse“, so der offizielle Name der Kanton-Messe, ist dank der Corona-Epidemie über Nacht zum ersten wichtigen Testfall für die Digitalisierung der chinesischen Messeindustrie geworden. Sowohl für die Regierung wie auch für den Internet-Riesen Tencent ist die erfolgreiche Ausrichtung der Messe schon im Vorfeld zu einem Prestige-Projekt größter Bedeutung geworden.

Betrachtet man die wirtschaftliche Bedeutung der Kanton-Messe, ist diese in Deutschland mit der Hannover-Messe vergleichbar. Im vergangenen Jahr waren 186.000 Käufer aus aller Welt angereist und hatten noch während der Ausstellung Verträge im Wert von mehr als 27 Milliarden Euro unterzeichnet. Die Regierung in Peking hatte lange gezögert, bis sie am 8. April schließlich bekannt gab, dass die Messe dieses Jahr nur online stattfinden könne.

Mit erstaunlicher Geschwindigkeit haben sich Chinas Zentralplaner seither in die Transformation und Digitalisierung des heimischen Messewesens eingemischt. Subventionen in Milliardenhöhe zur Konjunkturförderung im Zuge der Corona-Krise werden nicht nur für traditionelle Infrastrukturprojekte wie Brücken, Häfen oder Autobahnen, sondern unter dem Label „Neue Infrastruktur“ auch gezielt zur Förderung von Zukunftstechnologien, wie Cloud-basierter Kommunikation, künstlicher Intelligenz und eben auch dem Aufbau einer „digitalen Kongress- und Ausstellungsindustrie“, eingesetzt.

„Hunan Auto Show“ gibt Marketern neuen Mut

Neben der Reiseindustrie gehört das Kongress- und Messewesen auch in China zu den am härtesten von der Corona-Epidemie und den von Regierungen in ihrer Folge verhängten Einschränkungen des öffentlichen Lebens betroffen. Hunderte von Messen und Kongressen sind seit Januar abgesagt worden.

Die erste kleinere Fachmesse, die in China seit der Corona-Krise wieder in gewohnter Manier erlaubt worden ist, hat am Donnerstag eröffnet – die „Hunan Auto Show“ in der zentralchinesischen Stadt Changsha, Provinz Hunan. Besucher müssen Masken tragen und werden am Einlass registriert und auf ihre Virenfreiheit kontrolliert. Während die Fotos von der „Hunan Auto Show“ für Messeprofis und Marketing-Fachleute gleichermaßen ermutigend sind, dürfte die virtuelle Version der Kanton-Messe langfristig gesehen das wichtigere Ereignis sein.

„Seit dem Ausbruch der Coronavirus-Krise haben verschiedene Industrien gewaltige Veränderungen erlebt“, schreibt die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua in einem Bericht in eigener Sache, in dem sie den Launch ihrer eigenen „Xinhua-5G-Cloud-Ausstellungsplattform“ verkündete. Die neue Plattform stehe seit Donnerstag vergangener Woche Messeveranstaltern aller Größen zur Verfügung, schrieb Xinhua.

Fazit

Die Messe in China hat einen besonderen Stellenwert. Sie gilt als das wichtigste Schaufenster und zugleich Stimmungsbarometer der chinesischen Exportindustrie, von der in China mindestens 180 Millionen Arbeitsplätze abhängig sind. Und dank der Anstrengungen, die Chinas Regierung, Veranstalter und Tencent nun bei der ersten Online-Ausgabe der Kanton-Messe unternehmen, verspricht sie ein wichtiger Meilenstein für die Digitalisierung des Kongress- und Messewesens zu werden.

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Weitere Informationen

*Henrik Bork ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking. „China Market Insider“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Vogel Communications Group, Würzburg, und der Jigong Vogel Media Advertising in Beijing.

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