Multisensorik – Teil 3

Wie man mit Haptik punkten kann

| Redakteur: Dr. Gesine Herzberger

Wir lieben, was wir streicheln können

Haptik funktioniert auch im Web. „Eine Studie belegt, dass es einen Unterschied macht, ob ich per Touchscreen oder per Mausklick einkaufe“ sagt Multisense-Experte Olaf Hartmann. „Die Wertschätzung gegenüber einem Produkt steigt über 40 Prozent mit dem Touchscreen. Der ist stärker interaktiv, der Kunde kann das Produkt mit Gesten bewegen, vergrößern oder verkleinern. Durch die Berührung des Produkts auf dem Bildschirm entsteht eine psychologische Inbesitznahme, die normalerweise so stark nur beim realen Berühren zu beobachten ist.“

Dieser psychologische Inbesitznahmefaktor wurde sogar gemessen. Auf einer Skala von null bis sieben betrug er für den Desktop-Computer 4,3 und für den Tablet-Computer 5,6. Der Multi-Touch-Effekt bei Tablet und Handy erzeugte auch eine höhere Preisbereitschaft, vor allem dann, wenn man sich Leistungspakete per Fingerwisch zusammenstellen konnte und besonders viel Spaß dabei hatte, wie etwa bei einem Konfigurator. Die Konsequenz für Anbieter und Betreiber? Möglichst viele Aktivitäten auf Tablet und Smartphone verlagern. „Mobile first“ heißt der Schlachtruf.

Beim haptischen Design geht es zum einen darum, den Dingen eine einzigartige und unverwechselbare Form zu geben, die man sofort wiedererkennt. Zum anderen können vorhandene Strukturen, wie etwa die Textur (und der Geruch) von Metall, Holz oder Leder in einem Prospekt wiedergegeben werden. Schließlich geht es auch darum, Strukturen zu erschaffen, die den Tastsinn erfreuen. So hat ein Bäcker seine Theke mit einem beheizbaren Stein bestückt. So wird die Übergabe der gekauften Ware zelebriert.

Die Haptik im Altersverlauf

Kleinkinder erschließen sich die Welt mit allen Sinnen, vor allem aber haptisch. So wollen sie erforschen, wie die materielle Welt beschaffen ist und welche Gesetzmäßigkeiten darin herrschen. In dieser frühen Prägungsphase wird der Grundstock für ein „haptisches Gedächtnis“ gelegt. Mit dem Einzug von digitalen Geräten in die Kinderzimmer haben sich die Tasterfahrungen stark verändert.

Sicher kennen Sie den Film mit dem Baby, das eine Zeitschrift wie ein iPad befingert. Mittlerweile bestimmen Tastaturen, Joysticks und Touchscreens die kindliche Spielwelt. Die dabei gelernten Wirkmechanismen werden quasi ins Gehirn eingebaut und später im Leben intuitiv abgerufen. Auch dies wird den digitalen Wandel beschleunigen und das Zusammenwachsen von Mensch und Maschine verstärken.

Im Alter lassen die Bewegungsfähigkeit sowie die Hör- und Sehkraft nach. Auch die Geschicklichkeit und die Greifkraft sind stark betroffen. Alles Kleinteilige ist schwierig zu umfassen und rutscht schnell aus den Fingern. Eine einfache Handhabung ist demnach für ältere Menschen ein ganz entscheidender Kauffaktor. Und leichte Lesbarkeit auch. Kleine Schriften, egal ob in Gebrauchsanweisungen und Prospekten oder auf Etiketten und Hinweisschildern sind kommerzieller Selbstmord.

Und Erzeugnisse, die explizit als Seniorenprodukte bezeichnet werden, lassen die Kauffreude umgehend verschwinden. Am besten macht man sich stillschweigend und unauffällig an die notwendigen altersfreundlichen Optimierungen heran. Oft handelt es sich um Kleinigkeiten, die die Lebensqualität dieser kaufkraftstarken Zielgruppe steigern. Von daher werden sie dankbar aufgenommen und reichlich mit „Stimmzetteln“, also mit Geldscheinen belohnt.

Die Haptik und das Digitale

Was die haptische Zukunft uns bringt? Sensorhandschuhe und Fingerclips können die Texturen von Objekten längst simulieren. Die Robotik arbeitet schon seit vielen Jahren daran, die visuelle und auditive Informationsverarbeitung in Maschinen zu integrieren. Nun steht eine viel größere Herausforderung an: einen kompletten Tastsinn für die technologischen Helfer zu entwickeln und zu implementieren.

In Ansätzen gelingt das auch bereits schon. So hat das Münchner Start-up Tacterion mit Sensor Skin eine Art Hightech-Haut entwickelt, die Geräte via Sensormodulen berührungsempfindlich macht. Sobald die kraftstrotzenden Industrieroboter einen solchen Überzug bekommen, mit dem sie zu fühlen in der Lage sind, können wir sie aus ihren Käfigen entlassen und mobilisieren. Denn das ist ein ehernes Gesetz: Ein Roboter darf keinen Menschen verletzen.

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