Interview „Zukunft des Einkaufs“

Wie sieht der Einkauf 2025 aus?

| Redakteur: Annika Lutz

Um auch in der Zukunft wettbewerbsfähig bleiben zu können, müssen digitale Transformationsstrategien für den Einkauf entwickelt werden.
Um auch in der Zukunft wettbewerbsfähig bleiben zu können, müssen digitale Transformationsstrategien für den Einkauf entwickelt werden. (Bild: gemeinfrei / CC0)

Es ist hinreichend bekannt, dass die Digitalisierung sämtliche Geschäftsbereiche verändert. Auch und vor allem betroffen davon ist der Einkauf. Um zukünftig konkurrenzfähig bleiben zu können, muss eine digitale Transformationsstrategie definiert und umgesetzt werden.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie von SAP Ariba und der Hochschule Würzburg-Schweinfurt zeigt auf, wie sich der Einkauf in Zukunft entwickeln wird. Im Gespräch mit Dr. Marcell Vollmer, Chief Digital Officer von SAP Ariba und ehemaliger Chief Procurement Officer von SAP, geht der Experte auf zentrale Punkte der Studie ein. Er erläutert, welche Veränderungen und Entwicklungen die aktuelle Studie aufdeckt, welches Potenzial die Zukunft für den Einkauf bringt und welchen Stolpersteinen man hier begegnet. Darüber hinaus erklärt er, welchen Einfluss aktuelle Trends wie Künstliche Intelligenz, Machine Learning oder Blockchain auf den Einkauf haben.

Blicken wir auf den Status quo: Was hat sich im Vergleich zum letzten Jahr im Einkauf getan? Welche Veränderungen und Entwicklungen hat die aktuelle Studie von SAP Ariba und der Hochschule Würzburg-Schweinfurt ans Licht gebracht?

Marcel Vollmer: Die Zeit drängt. Unternehmen müssen jetzt unbedingt ihre digitale Transformationsstrategie definieren und umsetzen. Der Einkauf war in den vergangenen Jahren kein Vorreiter, aber die Funktion sieht, welche Auswirkung die Digitalisierung auf das gesamte Unternehmen hat und kann dementsprechend auch die dringend notwendige Roadmap vorantreiben. Basierend auf Umfrageergebnissen, mehreren Gesprächen mit Analysten und Einkaufsleitern rund um den Globus sowie Berichten, welche die aktuellen Trends aufzeigen, kann ich sagen, dass es drei Gründe dafür gibt:

Erstens, dass Automatisierung und IT-Transformation in fast jedem Unternehmen auf der Tagesordnung stehen. ERP-Systeme werden modernisiert und die Prozesse gestrafft – der Fokus liegt dabei auf dem Einsatz von Cloud-Lösungen. Unternehmen aller Branchen stehen unter dem Druck, ihre Geschäftsmodelle zu definieren und neu zu überdenken, dazu benötigen sie die neuesten Technologien, um konkurrenzfähig zu bleiben. Die Backoffice-Funktionen werden in Zukunft viel kleiner werden und ein erheblicher Kostenaufwand kann durch die Verwendung von Maschinen zur Verarbeitung von transaktionalen und taktischen Aktivitäten wie zum Beispiel der Auftrags- und Rechnungsbearbeitung, eingespart werden.

Zweitens kostet die digitale Transformation Geld und der Einkauf ist in der Lage, die Kaufkraft eines Unternehmens über alle Geschäftsfelder hinweg zu steuern und alle Lieferanten zu verwalten und Prozesse zu automatisieren, um zeitaufwändige Transaktionsaufgaben zu reduzieren. Dadurch kann sich die Funktion auf strategische, wertsteigende Aktivitäten konzentrieren. Ein gutes Beispiel dafür ist die Förderung von Zuliefererinnovationen zur Unterstützung der Zukunft des Unternehmens. Ein gutes Beispiel sind hier Kaffeetabs. Sie wurden zusammen mit einem führenden Anbieter entwickelt, um eine neue Kaffeemaschine zu produzieren, mit der ein standardisiertes Produkt wie Kaffee zu einem viel höheren Preis verkauft werden kann.

Und schließlich drittens wollen die Verbraucher wissen, woher die Waren und Dienstleistungen stammen. Immer mehr Menschen, vor allem aus der jüngeren Generation, werden zunehmend sensibler für Nachhaltigkeit. Sie wollen ausschießen, dass sie Produkte kaufen, die mit Kinderarbeit hergestellt wurden. Dabei spielt die Beschaffung als Schaltzentrale für Lieferantenbeziehungen eine wichtige Rolle. Mit Hilfe digitaler Netzwerke ist es möglich, Lieferanten zu finden, die nicht nur Kostenziele, sondern auch die Nachhaltigkeitsziele unterstützen. Auch können Stücklisten der gelieferten Produkte und Dienstleistungen angefertigt werden, die bis auf die Rohstoff-Ebene nachweisen, dass keine Zwangsarbeit bei der Gewinnung oder Herstellung eingesetzt worden ist.

Dr. Marcel Vollmer ist Chief Digital Officer bei SAP Ariba.
Dr. Marcel Vollmer ist Chief Digital Officer bei SAP Ariba. (Bild: SAP Ariba)

Wo sehen Sie das größte Potenzial für den Einkauf in Zeiten der digitalen Transformation? Welche Stolpersteine gibt es zu beachten?

Bis zu 90 Prozent des Unternehmenswertes liegt in der Lieferkette. Alles spielt sich hier ab – von dem, was gekauft und verkauft wird; alle Menschen und Interaktionen, die den Handel möglich machen, und die riesigen Datenmengen, die dabei gesammelt werden. Die Beschaffung ist zudem sehr gut in der Lage, diesen Wert zu erschließen. Durch den Einsatz einiger der ihnen heute zur Verfügung stehenden Technologien – wie Unternehmensnetzwerke, künstliche Intelligenz (KI) und maschinelles Lernen (ML) – kann die Unternehmensfunktion schnell aus den in ihren Lieferketten verfügbaren Daten aussagekräftige Erkenntnisse ziehen, um intelligentere Entscheidungen zu treffen, die ihr Unternehmen nicht nur voranbringen, sondern auch in der Welt um sie herum einen Unterschied machen. Der Einkauf kann beispielsweise Erkenntnisse aus Beschaffungsdaten und unstrukturierten Informationen kombinieren, um Kunden- und Marktanforderungen besser vorhersagen und darauf reagieren zu können. Oder er kann, wie bereits erwähnt, die Stückliste der Produkte und Dienstleistungen, die hergestellt und gekauft werden, bis hinunter zu ihren Rohstoffen abbilden und diese Informationen mit Hotspots vergleichen, wo es eine hohe Neigung zum Einsatz von Zwangs- und Kinderarbeit gibt. Dadurch sind Unternehmen in der Lage, das Risiko zu bestimmen und Maßnahmen zu ergreifen, um diese zu mindern. Dadurch wird eine Lieferkette möglich, die verantwortungsvoller, nachhaltiger und integrativer ist.

Dazu bedarf es jedoch eines grundlegenden Umdenkens von der reinen Kostensenkung hin zum Handeln mit Sinnhaftigkeit. Darüber hinaus erfordern neue Technologien neue Fähigkeiten und Kooperationen. Neben betriebswirtschaftlichem Wissen benötigen Einkaufsprofis heute Kenntnisse in der Datenwissenschaft und Analytik, um Daten und Analyseergebnisse richtig zu interpretieren, zu validieren und zu handhaben. In diese Entwicklung müssen Unternehmen investieren.

Das größte Potenzial sehe ich also in der strategischen Ausrichtung des Einkaufs, um gezielt zu beschaffen, Lieferanteninnovationen voranzutreiben, das Risiko zu mindern und eine nachhaltigere Lieferkette zu sichern.

Sie sprechen von einer neuen Rolle des Chief Procurement Officers. Welche Aufgaben und Stellung wird der CPO künftig übernehmen?

In der Vergangenheit haben Chief Procurement Officer den Erfolg vor allem an ihrer Fähigkeit gemessen, Einsparungen in der Wertschöpfungskette zu ermöglichen. Ohne Frage bleibt die Kostensenkung auch heute noch entscheidend. Aber mit dem Aufkommen digitaler Netze, sind sie in der Lage, einen deutlich größeren Mehrwert zu generieren. Mit Netzwerken und Innovationen wie AI, ML und dem Internet der Dinge können CPOs Einblicke aus einer Vielzahl von scheinbar zusammenhangslosen Daten gewinnen und sich auf strategische Prioritäten wie die Stärkung der Widerstandsfähigkeit der Lieferkette, den Schutz der Marke vor Risiken Dritter und die Erschließung neuer Innovationsquellen konzentrieren.

Im Wesentlichen können Sie ihre Kosten mit dem Gewissen abwägen und gezielt beschaffen. Betrachten Sie nur mal das Reputationsrisiko, das mit Zwangsarbeit innerhalb der Lieferkette verbunden ist. Ein Netzwerk schafft Vertrauen bei Einkäufern und Lieferanten, wenn es nicht nur Einblicke in Bestände, Durchlaufzeiten und Umschlagshäufigkeiten bietet, sondern auch in die Kriterien, die zeigen, ob die Markenwerte eines Handelspartners mit den eigenen übereinstimmen. Hat ein Lieferant beispielsweise die notwendigen Governance-Strukturen, um Zwangsarbeit, Menschenhandel und unmenschliche Arbeitsbedingungen zu beseitigen? Hält er sich an den verantwortungsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen? Zeigt er ein institutionelles Engagement für den Einkauf bei Lieferanten, die sich für eine Frauenquote und Gleichberechtigung einsetzen? Kunden und Investoren erwarten Transparenz über all diese und hunderte andere Faktoren, und Netzwerke bieten einen umfassenden Einblick in Echtzeit, um die Compliance zu vereinfachen. Und der CPO – oder Chief Purpose Officer – hat diese Einblicke und Transparenz letztendlich in der Hand.

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