Digitale Technologien

Die mittelständische Digitalisierungsfalle

| Autor / Redakteur: Julia Saswito* / Georgina Bott

„Wer nichts macht, macht nichts falsch“ – nach diesem Motto handeln noch viele Mittelständler, wenn es um die Digitalisierung geht. Woran liegt das?
„Wer nichts macht, macht nichts falsch“ – nach diesem Motto handeln noch viele Mittelständler, wenn es um die Digitalisierung geht. Woran liegt das? (Bild: gemeinfrei / Pexels)

Viele mittelständische B2B-Entscheider halten sich mit ihren Investitionen in digitale Technologien nach wie vor zurück. Frei nach dem Motto: Wer nichts macht, macht nichts falsch. Verantwortlich dafür sind unter anderem Sicherheitsrisiken und die Angst vor Fehlinvestitionen.

Auch wenn sich im Mittelstand langsam eine gewisse Aufbruchsstimmung bemerkbar macht, investieren gerade einmal 30 Prozent der für eine aktuelle KfW-Studie befragten klein- und mittelständischen Unternehmen in den Einsatz neuer oder verbesserter digitaler Technologien. Das ist zwar eine leichte Steigerung gegenüber dem Vorjahr (26 Prozent), die Gesamtausgaben des Mittelstandes in Digitalisierungsvorhaben sind jedoch im Vergleich zu sonstigen Investitionen – etwa in Maschinen oder Gebäude – sehr gering. Es sind vor allem die kleinen Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern, die bei der Digitalisierung hinterherhinken.

Hemmschwelle Sicherheitsdenken und Risiken

Die größte Hemmschwelle, Prozesse zur Digitalisierung von Geschäftsabläufen anzustoßen, ist gleichzeitig eine der größten Tugenden des deutschen Mittelstandes: sicherheitsorientiertes Handeln. Die Angst vor Fehlinvestitionen oder vor falschen Schritten im Bereich Datenschutz oder Datensicherheit ist derzeit noch größer als die vor einem Nachsehen durch versäumtes Engagement. Sicherheitsbedenken sind nicht der einzige Grund, weshalb viele Unternehmen gar nicht erst loslegen. Nachfolgende Stolperfallen können den Erfolg von Digitalisierungsprojekten gefährden:

  • Sich aus Angst vor Fehlentscheidungen oder gescheiterten Projekten in der Digitalisierungsstrategie zu verzetteln oder gar nicht erst mit deren Umsetzung anzufangen.
  • Zu hetzen und so viele Bereiche wie möglich parallel zu digitalisieren – und das womöglich noch mit unrealistischen Erwartungen.
  • Blind auf eine neue Technologie und ihre (Heils-)Versprechen vertrauen ohne in der Tiefe zu verstehen, welche Veränderungen und Kosten für das Unternehmen insgesamt mit der Implementierung einhergehen.
  • Zu viel Ungeduld oder das Bestreben, alles auf einmal zu ändern und dabei die Auswirkungen auf die Unternehmenskultur zu unterschätzen und Mitarbeiter zu überfordern.
  • Fehlende Erfahrung und mangelndes Fachwissen durch zu wenige Fachkräfte aus den entsprechenden Bereichen hemmen die Digitalisierungsbestrebungen.

Digitalisierungs-Risiken erfolgreich minimieren

Als gute „Wirkstoff“-Kombination zur Risikominimierung gilt eine realistische Kosteneinschätzung sowie eine gute, aber nicht zu detaillierte Planung, die die eigenen Kapazitäten berücksichtigt. Darüber hinaus ist der Wille von Vorteil, aus kleineren Projekten schnell und konsequent zu lernen und den erarbeiteten Plan agil anzupassen. Gelingt es Unternehmen weiterhin, ihre Mitarbeiter von Anfang an mit einzubeziehen, auf ihr Können zu vertrauen und gegebenenfalls in externes Know-how zu investieren, befindet sich die Transformation auf dem richtigen Weg. Entscheidend ist, dass ein Unternehmenslenker für sich klar und frühzeitig erkennt, an welcher Stelle ihm die Digitalisierung von Prozessen und Geschäftsmodellen in Bezug auf Kundenzufriedenheit, Mitarbeiterproduktivität und Erschließung neuer Marktpotenziale wirklich einen Nutzen bringt – und dann konsequent in die Exekution geht.

Business-Modelle im Raum der digitalen Möglichkeiten

Perspektiven

Business-Modelle im Raum der digitalen Möglichkeiten

03.09.19 - Für gewachsene Unternehmen ist die Digitalisierung oft wenig greifbar: Welche Technologien machen Sinn und welches Geschäftsmodell lohnt sich? Es ist an der Zeit, den „Raum der digitalen Möglichkeiten“ auszuloten. lesen

Erfolgreiche Digitalisierung von KMU

Dass sich auch im Mittelstand ganze Branchen bereits erfolgreich digitalisieren, zeigen beispielsweise die positiven Entwicklungen insbesondere im Maschinen- und Anlagenbau. Dort wird viel in innovative, digitale Lösungen und Trends wie Predictive Maintenance, Virtual Reality oder künstliche Intelligenz investiert, um etwa Produktionsprozesse oder Wartungsservices zu optimieren.

Ein weiterer Technologie-Trend, der auch bei Mittelständlern sinnvoll und effektiv zum Einsatz kommt, ist Machine Learning. So identifiziert beispielsweise ein Prognose-Tool der Thüringer Stadtwerke anhand von empirischen Daten des Unternehmens und Machine-Learning-Methoden optimale Standorte für öffentliche Ladesäulen für E-Autos. Die Nutzer profitieren von einer guten Erreichbarkeit der Ladesäulen, während die Betreiber die Auslastung der Systeme verbessern und so ihre Wirtschaftlichkeit erhöhen können.

Und auch in anderen Bereichen schreitet die Digitalisierung voran – etwa in der Kundenkommunikation. Ein Beispiel: die App „Paul“. Die Anwendung digitalisiert und vereinfacht die Kommunikation von Steuerberatungen, Wirtschaftsprüfern und Rechtanwälten mit ihren Klienten und ermöglicht es diesen unter anderem Termine, Dateien und Belege sowie die digitale Unterzeichnung von Formularen schnell und einfach zu verwalten.

4 Beispiele für erfolgreiche Digitalisierung im Mittelstand

Digitale Transformation

4 Beispiele für erfolgreiche Digitalisierung im Mittelstand

20.09.19 - Nur Großunternehmen leben die digitale Transformation? Von wegen. Digitalisierung im Mittelstand sorgt nicht für große Schlagzeilen, ist aber real und funktioniert teilweise besser als bei Großunternehmen. Diese vier Beispiele zeigen, wie Digitalisierungsprojekte im Mittelstand erfolgreich umgesetzt wurden. lesen

Nicht in die Digitalisierungsfalle locken lassen

Grundsätzlich gilt: Entscheider müssen ihr Unternehmen in einer immer technischer und digitaler werdenden Welt zukunftssicher aufstellen. Welche Bereiche oder Prozesse sich für die Digitalisierung eignen beziehungsweise an welchen Stellen neue Geschäftsfelder durch diese Transformation entstehen können, ist so unterschiedlich, wie die Vielfalt an B2B-Unternehmen in Deutschland. Entscheidend ist, dass sich Unternehmer nicht in die Digitalisierungsfalle locken lassen und aus Angst, etwas falsch zu machen, gar nicht erst starten. Stattdessen sollte sie ihre Chancen ergreifen. Denn mit einer großen Portion unternehmerischen Mutes und einer klaren Vision gelingt es auch dem Mittelstand, sich den Herausforderungen der Digitalisierung zu stellen.

* Julia Saswito, Practice Leader der Reply Digital Experience und geschäftsführende Partnerin bei Triplesense Reply.

Kommentare werden geladen....

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de/ (ID: 46153565 / New Work)