Interview „Zukunft des Einkaufs“ Procurement wird zu einer strategischen Aufgabe

Redakteur: Georgina Bott

Die Technologie verändert die Geschäftswelt. Besonders deutlich wird das im Einkauf. Denn der ist nicht mehr nur eine taktische Funktion, die sich nur auf Effizienz und Einsparungen fokussiert, sondern eine strategische Kraft, die Innovationen und messbare Wertbeiträge vorantreibt.

Firmen zum Thema

Der Einkauf muss sich heute verstärkt strategisch positionieren. Das heißt ein ganz klarer Fokus muss auf dem Wertbeitrag – Lieferanteninnovationen, Risikomanagement und die Sicherstellung einer nachhaltigen Supply Chain – liegen.
Der Einkauf muss sich heute verstärkt strategisch positionieren. Das heißt ein ganz klarer Fokus muss auf dem Wertbeitrag – Lieferanteninnovationen, Risikomanagement und die Sicherstellung einer nachhaltigen Supply Chain – liegen.
(Bild: gemeinfrei / CC0 )

Basierend auf ihrer langjährigen Erfahrung im Einkaufswesen haben Dr. Marcell Vollmer, Chief Digital Officer von SAP Ariba und ehemaliger Chief Procurement Officer von SAP, und Prof. Dr. Karsten Machholz, Professor für Strategischen Einkauf und Supply Chain Management an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt eine Studie zur Zukunft des Einkaufs im zweiten Quartal 2017 veröffentlicht. Im Gespräch mit marconomy gehen die beiden Experten auf den aktuellen Status quo des Einkaufswesens ein und erläutern, welche Herausforderungen und Chancen die digitale Transformation mit sich bringt.

Die digitale Transformation ist bereits angekommen und hat Auswirkungen auf fast jeden Berufszweig eines Unternehmens. Wie wird sich die Rolle des Einkaufs verändern und wie werden sich die Tätigkeiten in Zukunft weiterentwickeln?

Marcell Vollmer: Die Studie zeigt ganz deutlich, dass sich der Einkauf verstärkt strategisch positionieren muss, das heißt ein ganz klarer Fokus muss auf dem Wertbeitrag liegen. Im Gegensatz dazu waren früher die Einsparungen die wichtigste Leistungskennzahl. Der Wertbeitrag lässt sich in drei Kernbestandteile zusammenfassen: Lieferanteninnovationen, Risikomanagement und die Sicherstellung einer nachhaltigen Supply Chain. Die Studie bestätigt diese Faktoren, identifiziert aber darüber hinaus Prioritäten wie Predictive Analytics und Talent Management als weitere zentrale Elemente, um die Transformation zum strategischen Einkauf herbeizuführen. Die Bezeichnung „strategisch“ ist schon seit einigen Jahren im Gespräch, doch entscheidend ist Folgendes: Der Einkauf hat erkannt, dass die zunehmende Automatisierung operative und taktische Aufgaben verschwinden lässt und sich die Einkaufsfunktion dadurch nachhaltig verändern wird. Sie wird kleiner, ist dafür aber stärker auf strategische Themen ausgerichtet. Spannend zu beobachten ist, dass die Einkaufsfunktion nicht immer in einer aktiv treibenden, sondern oftmals in einer passiv abwartenden Rolle ist. Das wird sich ändern beziehungsweise ändern müssen. Denn sonst besteht die Gefahr, dass sich Aufgaben weiter dezentralisieren und von Fachabteilungen übernommen werden.

Karsten Machholz: Die strategische Ausrichtung beinhaltet aber auch, dass ein Verständnis für die Abläufe und Kernprozesse von anderen Abteilungen vorhanden sein muss. So sollte der Einkauf zum Beispiel die Grundzüge, die Herausforderungen und ein Teil des Fachvokabulars, zum Beispiel der F&E Abteilung, des Engineerings, Operations oder des Marketings verstehen, um mit ihnen auf Augenhöhe zusammenarbeiten zu können, so entsteht ein echter Mehrwert.

Welche weiteren Veränderungen und Innovationen werden aufgrund des digitalen Wandels noch zu erwarten sein?

Karsten Machholz: Viele operative und repetitive Arbeiten werden nach und nach verschwinden. Die Automatisierung spielt hier eine große Rolle und Fakt ist, dass wir mehr strategische Aufgaben mit weniger Mitarbeitern bewältigen werden. Der Einkauf wird in Zukunft hochautomatisiert arbeiten und viele Prozesse werden im Hintergrund, ohne menschliche Interaktionen ablaufen. Im Gegenzug werden viele neue, kreative und strategische Aufgaben entstehen, die nur von Menschen ausgeführt werden können. Dabei werden auf Daten basierende Vorhersagen und in fernerer Zukunft Vorgaben für den richtigen Zeitpunkt eines Kaufs von Waren oder Dienstleistungen getroffen werden können. Ein wichtiger Faktor der aktuell stark vorangetrieben wird, ist die End-to-End-Transparency in den Lieferketten; das spielt vor allem in Bereichen wie Healthcare und patientenzentrierten Supply Chains eine große Rolle.

Marcell Vollmer: Eine schnelle und nachhaltige Veränderung aller Einkaufsprozesse ist absehbar. Darunter fallen zum Beispiel 3D-Printing-Technologien, die Ersatzteile drucken und somit teilweise ganze Produktionsprozesse ersetzen können. Machine Learning und Robotics Process Automation (RPA) werden sich wiederholende und erlernbare Aufgaben bei transaktionalen Prozessen übernehmen können. Auch automatisierte Bestellprozesse und das integrierte Arbeiten mit Daten – sodass zum Beispiel anhand von Verkaufsverträgen bereits Produktionsplanungsprozesse angestoßen werden können – werden das Procurement grundlegend verändern. Außerdem erwarten Nutzer, insbesondere Millennials, die nun verstärkt den Arbeitsmarkt prägen, eine intuitive Bedienbarkeit bei allen Anwendungen. Ganz nach dem Motto: „Apple easy, Google fast“.

Um die digitale Transformation voranzutreiben, müssen alle Abteilungen eines Unternehmens miteinbezogen werden. Welche Rolle kann der Einkauf dabei einnehmen?

Marcell Vollmer: Zum einen fokussiert sich der Einkauf bereits zusehends auf eine enge Zusammenarbeit mit den anderen Geschäftsbereichen, um frühzeitig bei der Strategie mit eingebunden zu werden und Einfluss darauf nehmen zu können. Zum anderen erfolgt auch mit den Lieferanten eine engere, auf Innovationen ausgerichtete Zusammenarbeit – dies können wir zum Beispiel in der Automobilindustrie schon länger beobachten.

Karsten Machholz: Die Digitale Transformation des Unternehmens muss von der Geschäftsleitung ausgehen, ein Silodenken wäre gerade bei diesem Vorhaben nicht zielführend. Aufgrund seiner zentralen Position zu den Lieferanten, das heißt als Wissensträger und Innovationstreiber, muss der Einkauf aber eine führende Rolle einnehmen, um den digitalen Wandel voranzutreiben.

Worauf müssen sich Unternehmen im Einkauf in Zukunft einstellen und welche Herausforderungen werden dabei besonders schwer zu bewältigen sein?

Karsten Machholz: Das Akronym VUCA beschreibt die größten Herausforderungen, mit denen sich Unternehmen im Zuge der Digitalisierung auseinandersetzen müssen. VUCA steht dabei für Volatilität, Ungewissheit, Komplexität und Ambiguität. Durch die stark zunehmende Digitalisierung, moderne Technologien und die allgemein hohe Dynamik des Wandels entsteht ein Mangel an Berechenbarkeit und es fehlt zudem häufig das Verständnis für diese Veränderung. Die hohe Komplexität von Systemen und die Vernetzung aller Prozesse können einer durchgängigen Transparenz entgegenwirken. Dadurch kann es zu Fehlentscheidungen und einem Informationsverlust bei internen und externen Prozessen kommen. Um dem entgegen zu wirken, ist es wichtig, die Mitarbeiter entsprechend zu trainieren und zu schulen, um für Aufklärung und Verständnis zu sorgen und den Einkauf aus seiner „alten Komfortzone“, das heißt als reiner „Preisdrücker“ und „Verhandler“, herauszubringen.

Marcell Vollmer: Veränderungen bedeuten immer, dass Menschen sich auf neue Gegebenheiten einstellen und sich an diese anpassen müssen. Daher ist das Talent Management, das heißt die Förderung und Entwicklung von Mitarbeitern eine Kernherausforderung für Unternehmen, um mit den neuen und veränderten Aufgaben umgehen zu können. Genauso wichtig sind aber auch die technologischen Voraussetzungen beziehungsweise die entsprechende Software, um leicht zu bedienende und gleichzeitig voll integrierte Systeme zur Verfügung stellen zu können. Vieles läuft automatisiert ab, allerdings wird es bis auf Weiteres für viele Prozesse noch ein sogenanntes Frontend geben, mit dem die Benutzer arbeiten. Das muss möglichst einfach, intuitiv und voll in die bestehende IT-Infrastruktur eingebunden sein. Wir bezeichnen dies als integrierte Systemlandschaft, die den Einkaufsprozess (Source-to-Pay) in allen Facetten vollständig abdeckt.

Ihre Studie hat ergeben, dass der Kampf um Talente eine der größten Herausforderungen ist. Welche Voraussetzungen müssen Unternehmen aus Ihrer Sicht für ein erfolgreiches Talent Management im Einkauf schaffen?

Marcell Vollmer: Die Abteilung attraktiv genug zu gestalten, um Mitarbeiter für den Einkauf zu interessieren, wird sicherlich keine leichte Aufgabe für Unternehmen. Insbesondere dann nicht, wenn der Bereich keine klaren Perspektiven und Wertversprechen bietet. Millennials stellen andere Anforderungen an Unternehmen als die Generationen vor ihnen und sind vermutlich nicht mehr für klassische Karrieremodelle zu begeistern. Hier sind neue Konzepte gefragt, um den Einkauf ansprechend zu gestalten. Zum Beispiel die Vorgehensweise Aufgaben und Erfahrungen in kleinere Zeiträume zu zerlegen, sodass auch die Möglichkeit für andere, nachfolgende Tätigkeiten (auch außerhalb des Einkaufs) gegeben sind. Aus meiner persönlichen Erfahrung als Chief Procurement Officer kann ich sagen, dass der Einkauf die vermutlich spannendste Funktion im Unternehmen ist, da sie erlaubt alle Geschäftsbereiche kennenzulernen, das Geschäftsmodell zu verstehen und ein großes Netzwerk an Kontakten aufzubauen.

Karsten Machholz: Es ist extrem wichtig, dass der Einkauf zu einem attraktiven Schritt auf der Karriereleiter eines Unternehmens wird. Die Fähigkeiten bestehender Einkaufsorganisationen sollten kritisch überprüft und in Bezug auf die zukünftigen und strategischen Anforderungen hin ausgerichtet werden. An dieser Stelle ist entsprechende Unterstützung durch HR, zum Beispiel durch Schulungs- und Weiterbildungsprogramme, sicherlich sinnvoll.

Gerade im B2B werden sich durch die Digitalisierung einige Herausforderungen im Einkauf ergeben. Welche sind das und wie würden Sie den Unternehmen empfehlen, damit umzugehen?

Karsten Machholz: Das B2B-Geschäft hat extrem große Wachstumsprognosen (laut Gartner 1 Billiarde US$ bis 2020), das heißt die Implikationen und Geschäftsvolumina, die hierüber künftig abgewickelt werden, sind gigantisch. Hier sind strategische Kooperationen sinnvoll, um das Know-how und die Ressourcen zu bündeln und gemeinsam die Digitalisierung voranzutreiben. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Kooperation von SAP Ariba und IBM. Aktuelle politische Entwicklung, wie die Abschottung bedeutender Märkte (USA, Russland, China) stehen dem gegenüber. So war auch beim G20 Gipfel eine der zentralen Fragen, ob wir in Zukunft mehr bilaterale, interessensdominierte Handelsabkommen haben werden, oder ob sich multilaterale Abkommen und Freihandelszonen, die auch ethische und ökologische Aspekte berücksichtigen, werden durchsetzen können.

Marcell Vollmer: Meiner Meinung nach sind hier die voranschreitende Internationalisierung sowie die globale Zusammenarbeit mit Lieferanten und Geschäftsbereichen die entscheidende Herausforderung. Die Märkte werden insgesamt internationaler, weshalb sich auch der Einkauf globaler aufstellen muss. Jedoch dürfen die lokalen Anforderungen dabei nicht in Vergessenheit geraten, denn Maintenance, Strom, Wasser, Gas, Verbrauchsgüter und Services werden auch in einer global vernetzten Welt weiterhin lokal verortet bleiben. Die Digitalisierung hilft dabei Informationen zu gewinnen, zu nutzen und Erfahrungen global verfügbar zu machen, um aus ihnen zu lernen. Die Technik spielt hierbei eine große Rolle. Außerdem werden Lieferantennetzwerke wie wir sie von Amazon, eBay oder Alibaba kennen auch für den Einkauf immer wichtiger. SAP Ariba verfügt bereits heute über eine Plattform mit über 2,7 Millionen Lieferanten. Die Möglichkeiten der Zusammenarbeit und Skalierung sind erheblich und stehen erst am Anfang.

Prof. Dr. Karsten Machholz ist Professor für Strategischen Einkauf und Supply Chain Management an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt.
Prof. Dr. Karsten Machholz ist Professor für Strategischen Einkauf und Supply Chain Management an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt.
(Bild: Prof. Dr. Karsten Machholz)

Dr. Marcell Vollmer ist Chief Digital Officer bei SAP Ariba.
Dr. Marcell Vollmer ist Chief Digital Officer bei SAP Ariba.
(Bild: eloquenza PR)

Über die Interviewpartner

Dr. Karsten Machholz
Dr. Karsten Machholz ist Professor für Strategischen Einkauf und Supply Chain Management an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt. Er ist seit über 20 Jahren Experte für die Bereiche Supply Chain Management, Strategischer Einkauf und Beratung. Seine praktischen und weitreichenden Erfahrungen sammelte er bei international tätigen Unternehmen. So zeichnete sich Machholz bereits in führenden Positionen bei 3M, Capgemini Consulting, Boehringer Ingelheim und BioPartners GmbH verantwortlich. Seit 2012 ist Karsten Machholz Dozent an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt. Neben seiner Tätigkeit als Professor gründete er 2014 die Beratungsgesellschaft CPO Consulting, die er als GF leitet. 1994 promovierte Machholz an der Georg-August-Universtität Göttingen zum Doktor der Naturwissenschaft für Chemie. Seit 2012 engagiert er sich zudem ehrenamtlich als Vorstandsmitglied des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. für die Region Mainfranken.

Dr. Marcell Vollmer
Dr. Marcell Vollmer ist Chief Digital Officer bei SAP Ariba. In seinen unterschiedlichen Funktionen bei SAP war er u.a. verantwortlich für die operative Führung von SAP Ariba als COO, die Neuausrichtung des globalen Einkaufs als CPO für SAP und den Aufbau und Globalisierung der Shared Services Organisation.

Über SAP Ariba
Mit SAP Ariba können sich Unternehmen untereinander vernetzen, um effiziente Geschäfte zu tätigen. Im Ariba Network finden Käufer und Lieferanten aus mehr als 2,5 Millionen Unternehmen und 190 Ländern zusammen, um neue Chancen zu entdecken, Transaktionen gemeinsam abzuwickeln und ihre Geschäftsbeziehungen zu vertiefen.

(ID:44796560)