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China Market Insider Virtuelle Kantonmesse löst gemischte Gefühle aus

| Autor / Redakteur: Henrik Bork* / Lena Müller

Die Kantonmesse, diesmal komplett digital, hat nach ihrem Abschluss gemischte Rezensionen erhalten. Die größte Handelsmesse der Welt war auf zehn Tage verkürzt worden. Die Veranstalter berichten über Rekordzahlen von Ausstellern und angebotenen Produkten. Manche Teilnehmer bemängelten jedoch Probleme, wie mangelnde Interaktivität, gefälschte Fotos und technische Pannen.

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Mit dem Format „China Market Insider“ berichtet marconomy regelmäßig über Marketing-Trends in China.
Mit dem Format „China Market Insider“ berichtet marconomy regelmäßig über Marketing-Trends in China.
(Bild: gemeinfrei / Unsplash)

Die 127. Kantonmesse, zu der sonst mehr als 200.000 Aussteller und Einkäufer aus aller Herren Länder nach Südchina reisen, war diesmal Virus-bedingt zu einem Großexperiment für virtuelles Messewesen umfunktioniert worden. Innerhalb von wenigen Wochen mussten sich sämtliche Teilnehmer umstellen. Statt Güter physisch betrachten und anfassen zu können, waren nun plötzlich neue Formate wie Produktvideos, Livestreaming und Händlergespräche im Chatroom angesagt. Vor diesem Hintergrund sind die von den Organisatoren zum Ende des Events genannten Zahlen beeindruckend. Fast 26.000 Aussteller zeigten 1,8 Millionen Produkte. 64 brandneue Produkte erlebten ihre Markteinführung, 20 virtuelle Modeschauen fanden statt. Eine chinesische Firma verkaufte innerhalb weniger Tage Klima-Anlagen für umgerechnet 1,8 Millionen Euro.

Viel Kritik und dennoch ein Rettungsring für viele Unternehmen

Gleichzeitig war das Online-Format für die meisten Beteiligten neu. Die Firmen, die schon Erfahrung mit Online-Marketing hatten, schnitten besser ab. Sie organisierten interaktive Livestreaming-Events, die im Vergleich zur physischen Messe des Vorjahres gewisse Vorteile hatten. So konnten manche Aussteller ihre hochmodernen Produktionsstätten vorzeigen und eine komplettere Produktpalette vorzeigen, als dies auf einem Messestand möglich ist.

Andere Firmen und Einkäufer, die noch nicht so sehr an Online-Formate gewöhnt waren, taten sich jedoch eher schwer. Die Hongkonger Zeitung South China Morning Post zitierte einen in Kanton ansässigen Händler, der die Messe jedes Jahr besucht, und diesmal enttäuscht war. Auf der normalen Kantonmesse könne man „die Produkte tatsächlich sehen, anfassen, fühlen“, sagte Mohammed Ryan dem Reporter. „Online dagegen ist die ganze Dynamik einfach nicht da. Du schickste eine Nachricht, bekommst aber eine halbe Stunde lang keine Antwort. Die Produktfotos sind alle mit Photoshop bearbeitet, die realen Produkte bekommt man nicht zu sehen. Die Zahl der Aussteller ist begrenzt“, sagte Ryan.

Die riesige Online-Messe sei in diesem Jahr eine „Zwangslektion“ für Händler aus aller Welt gewesen, sagte ein chinesischer Verbandsfunktionär gegenüber einem Fachmedium. „Komplett vorbereitete Unternehmen konnten von ihren Erfahrungen etwa beim Livestreaming profitieren, während andere eher Catch-up spielten“, wurde der Messebeobachter von der „Canton Fair News“ zitiert.

Für viele der Käufer aus 217 Ländern und die ausstellenden Firmen war die Messe dennoch ein sehr willkommener Rettungsring in schwierigen Corona-Zeiten, und dies

trotz vereinzelter Probleme mit Internet-Geschwindigkeiten, Zeitverschiebung oder der mangelnden „persönlichen Interaktion“. Immerhin kann das Geschäft auch ohne Flüge weitergehen.

Viele Aussteller freuten sich schon allein deshalb über die virtuelle Teilnahme in Kanton, weil sie so ihren Stammkunden demonstrieren konnten, dass sie auch trotz globaler Corona-Maßnahmen, Lockdowns und erzwungener Produktionspausen nicht bankrottgegangen sind und weiter im Geschäft sind.

Messen als wichtiger Bestandteil für Chinas Wirtschaft

Auch für China war die Online-Messe ein wichtiges Event, um Kontinuität zu demonstrieren. Staats- und Parteichef Xi Jinping habe persönlich hingeschaut, meldeten Chinas gleichgeschaltete Medien ehrfurchtsvoll.

28 Prozent aller industriell gefertigten Güter der Erde stammen aus China, das sind beinahe so viele, wie die Gesamtzahl aller in Amerika, Japan und Europa hergestellten Waren. Die Kantonmesse – ob nun real oder virtuell abgehalten – ist von vitaler Bedeutung für Chinas Exporte.

„Selbst, wenn die meisten individuellen Livestreams eher amateurhaft waren, in gebrochenem Englisch mit schlechter Beleuchtung, so war der Gesamteffekt doch beeindruckend“, urteilte der sonst sehr China-kritische Economist über die diesjährige Kantonmesse.

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Ein sehr zufriedener Aussteller war zum Beispiel Li Xueliang, dessen Firma „Jiangmen POSI Refrigeration Appliance Co. Ltd.“ während der Messe Vorbestellungen in Höhe von zwei Millionen US-Dollar (rund 1,8 Millionen Euro) bekommen hat. „Wegen der Epidemie mussten viele Verbraucher in Europa und den USA daheimbleiben. Das hat unsere Verkäufe von Klimaanlagen trotz des allgemeinen wirtschaftlichen Abschwungs steigen lassen“, sagte Li der amtlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua.

Die Guangzhou Dayun Motorcycle Co. Ltd. konnte sich über 30 Bestellungen aus 18 Ländern freuen. Und vor allem die großen chinesischen Hersteller von Haushaltsgeräten, wie Midea oder Hisense, ohnehin bereits stark im E-Commerce, konnten sich während der Messe nicht nur großer Beliebtheit für ihre Online-Formate erfreuen, sondern auch mit beeindruckenden Verkaufszahlen glänzen.

Endgültige Umsatzzahlen für die Messe lagen bei Redaktionsschluss noch nicht vor. Zusammenfassend lässt sich aber wohl schon sagen, dass die Kantonmesse trotz Corona-bedingter Schwierigkeiten auch in ihrer virtuellen Reinkarnation den Weltmachtstatus Chinas als Exportnation bestätigt hat.

*Henrik Bork, langjähriger China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau, ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking. „China Market Insider“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Vogel Communications Group, Würzburg, und der Jigong Vogel Media Advertising in Beijing.

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