Traditionsunternehmen

Der Mittelstand im Wandel – welche Auswirkungen hat das auf das Marketing?

| Redakteur: Annika Lutz

Der Mittelstand steht vor der Herausforderung, junge und motivierte Fachkräfte zu gewinnen. Die eigenen Mitarbeiter können dabei helfen.
Der Mittelstand steht vor der Herausforderung, junge und motivierte Fachkräfte zu gewinnen. Die eigenen Mitarbeiter können dabei helfen. (Bild: gemeinfrei / Unsplash)

Sarna Röser ist Teil eines traditionellen Familienunternehmens im Tiefbau und wird nach ihrem Vater die Firma übernehmen. Im Gespräch hat sie mit uns über den Umgang mit der älteren Generation und dem Fachkräftemangel gesprochen und uns erklärt, warum die eigenen Mitarbeiter die besten Markenbotschafter sind.

marconomy: Was ist für Sie der Erfolgsfaktor eines erfolgreichen Familienunternehmens?

Sarna Röser: Es ist ganz wichtig, dass jeder im Unternehmen ein Spezialgebiet hat, für das er oder sie verantwortlich ist. Meine Schwester hat beispielsweise Wirtschaftsrecht studiert und ist eher für die Finanzen zuständig, während ich mich um den Vertrieb kümmere.

Mit meinen zwei anderen Mitgründern aus Düsseldorf habe ich außerdem noch ein Start-up ins Leben gerufen. Das ist quasi mein eigenes Baby, mein eigenes Projekt. Neben dem „Nachfolgerin sein und im Familienunternehmen arbeiten“ wollte ich auch noch mein eigenes Ding machen und von Grund auf mein eigenes Unternehmen aufbauen. Das spiegelt, die neue Unternehmer-Generation wider.

Können Sie uns mehr über das Startup erklären?

Das Start-up Beamcoo, das Ende des Jahres mit einer Online-Plattform live geht, hat erstmal nichts mit unserer Branche, dem Tiefbau, zu tun. Es geht dabei jedoch um Vernetzung. Wir haben Beamcoo gegründet, weil wir glauben, dass eine Vernetzung von Mitarbeitern über Hierarchieebenen und sogar über Unternehmensgrenzen hinweg unglaublich wichtig ist, vor allem für die Zukunft. Wir möchten bisher geschlossene organisatorische Einheiten dabei unterstützen, sich zu öffnen. Es geht darum, Kompetenzen, Ressourcen und Ideen zu teilen. Praktisch funktioniert das so: Als Mitarbeiter eines Unternehmens habe ich ein Profil auf Beamcoo, ähnlich zu Xing oder LinkedIn. Über eine einfach gestaltete Suche kann der Nutzer zu einem bestimmten Thema oder einer Fragestellung andere Leute finden, die diese Kompetenzen haben. Die Person kann dann für ein Telefonat, ein Skype-Gespräch oder einen Kaffee angefragt werden, um einfach mal fünfzehn Minuten über das Thema zu sprechen. Es geht genau um diesen Austausch, um diese Mikrokompetenzen und nicht darum, dass man Betriebsgeheimnisse verrät oder Dokumente offenlegt. Eine kurze Antwort auf eine kurze Frage kann schon viel helfen.

Employer Branding und Recruiting – Mittelstand zeigt Nachholbedarf

Arbeitgeberkommunikation

Employer Branding und Recruiting – Mittelstand zeigt Nachholbedarf

11.06.19 - Die Studie „Arbeitgeber Mittelstand: Kommunikation in Zeiten der Digitalisierung“ zeigt, dass Mittelständler im Vergleich zu Großkonzernen viel aufzuholen haben. Gute Beispiele für Employer Branding und Recruiting liefern laut Studie Unternehmen, wie Brose, VEKA, Schüco International und TRUMPF. lesen

Das ist toll. Oft hilft es einfach, jemanden zu fragen, der genau dieses Projekt schon gemacht hat, das sehen wir auch in unserer Community.

Glauben Sie, dass sich solche Vorgehensweisen auch in traditionellen Familienunternehmen durchsetzen können?

Bei Familienunternehmen denkt man häufig, sie seien sehr traditionell und konservativ. Das Spannende war jedoch, dass in unseren Gesprächen mit Familien- oder mittelständischen Unternehmen herauskam, dass gerade sie ganz begeistert von der Idee sind. Wenn ein Unternehmen beispielsweise auf dem Land sitzt und seinen Mitarbeitern trotzdem die Möglichkeit geben kann, sich mit einem jungen Unternehmen aus Düsseldorf zu vernetzen, ist das ein riesiger Mehrwert für die Firma.

Das heißt, Sie nutzen das Startup für Ihre Firma auch, obwohl es im Grunde etwas ganz Eigenständiges ist?

Es war mir wie gesagt wichtig, mein „eigenes Ding zu machen“. Wenn unsere Firma jetzt sagen würde, dass sie das auch nutzen wollen, dann ist das natürlich gut möglich.

In einem Traditionsunternehmen arbeiten viele Generationen miteinander. Können Sie Marketern von heute Tipps geben, wie sie in einem traditionellen Familienunternehmen ihre Ideen umsetzen können? Häufig hat ja doch noch die ältere Generation den Hut auf und ist nicht unbedingt offen für neue Vorschläge.

Für uns Junge ist es unglaublich wichtig zu lernen, dranzubleiben und nicht so schnell aufzugeben. Vor allem, wenn wir eine Idee haben, wie wir bestimmte Dinge in der Marketingabteilung oder der Firma voranbringen können.

Ein respektvoller Umgang ist außerdem ganz wichtig. Mein Chef muss sich von mir ernstgenommen fühlen und ich muss ihm mit Respekt gegenübertreten und ihm ganz genau meine Idee erläutern. Wie bin ich auf die Idee gekommen und wie kann sie das Unternehmen weiterbringen? Für die ältere Generation ist es sehr wichtig, dass man ihnen Wertschätzung, für das was sie bisher geleistet haben, entgegenbringt. Man sollte nicht mit der Einstellung „Wie wir es jetzt gemacht haben ist schlecht, ich habe eine viel bessere Idee“ rangehen, sondern konstruktiv in das Gespräch einsteigen. Dann wird man auch ernstgenommen und stößt auf offene Ohren. Das habe ich schon in der Beziehung zu meinem Vater gelernt: Mit dem Kopf durch die Wand hat nie funktioniert. Wenn ich aber gute Argumente hatte, die er nachvollziehen konnte, sind wir auch neue Wege gegangen. Diesen Umgang mit der älteren Generation zu lernen, ist sehr wichtig.

Von unseren Lesern wissen wir, dass viele HR-Abteilungen die Marketingabteilungen um Unterstützung bitten, weil sie Probleme dabei haben, Azubis und Fachkräfte zu finden.

Stahlharte Fakten und große Visionen – Storytelling in der Industrie

B2B Kommunikation

Stahlharte Fakten und große Visionen – Storytelling in der Industrie

25.07.19 - Komplex, umfangreich, trocken? Die Industrie kann mehr in Sachen Kommunikation! Ob Business-to-Business oder direkt an den Konsumenten, gerade kleine und mittelständische Unternehmen können sich bei den Riesen der Branche noch einiges abschauen. lesen

Mangelt es bei Ihnen auch an Fachkräften, und wenn ja, wie gehen Sie damit um?

Allein aufgrund der Größe unseres Unternehmens haben wir nicht das Problem, zehn oder 15 Azubis pro Jahr finden zu müssen.
Ich bekomme aber mit, was in anderen Unternehmen vorgeht. Hauptsorge ist momentan tatsächlich, gute und vor allem junge Leute zu finden. Wichtig bei der Suche ist, dass man eine Unternehmens-Vision hat und diese glaubwürdig vermittelt. Die jungen Menschen finden schnell heraus, ob ein Unternehmen nur locker und modern tut, oder diese Kultur auch wirklich lebt.
Ich sag immer: Das beste Marketing ist, wenn die eigenen Mitarbeiter Markenbotschafter werden. Sie sind die besten und authentischsten Geschichtenerzähler, wenn sie Spaß am Job haben.

Für den Mittelstand ist es eine große Herausforderung für junge Bewerber attraktiv zu erscheinen. Dabei haben genau diese Unternehmen einen riesigen Vorteil im Vergleich zu den Konzernen: Sie haben traditionell eine ganz andere Kultur. Hier ist man keine Nummer, sondern als Mensch gleich mittendrin im Familienunternehmen.

Man sollte also zuerst ein gutes Arbeitsklima im Unternehmen schaffen, bevor man potenzielle Arbeitnehmer umwirbt?

Wir haben momentan tatsächlich noch die Situation, dass wir dank unserer eigenen Mitarbeiter, die auch Markenbotschafter sind, gar keine Werbung machen müssen. Es kommt oft vor, dass deren Kinder später bei uns im Unternehmen arbeiten. Das kann man natürlich nicht als Ratschlag für große Unternehmen ansehen, aber als Orientierung: Guter Umgang mit den Mitarbeitern ersetzt Riesenbudgets für Marketing. Die meisten wollen ja, wenn sie ein paar Stationen ausprobiert haben, einen Arbeitgeber finden, bei dem sie länger oder vielleicht sogar für immer bleiben.

Mythos Millennials: So erreichen Sie die begehrten Fachkräfte

Employer Branding

Mythos Millennials: So erreichen Sie die begehrten Fachkräfte

16.01.19 - Bereits im Jahr 2020 werden Millennials mehr als ein Drittel der berufstätigen Bevölkerung stellen. In Zeiten akuten Fachkräftemangels ist der deutsche Mittelstand gefordert, sich auf die Kommunikationsgewohnheiten und Bedürfnisse dieser Generation mit einer zielgerichteten Employer Branding Strategie mit neuen Formaten und Tools einzustellen. lesen

Und dieses Ausprobieren kann ja auch im Unternehmen selbst stattfinden, beispielsweise wenn man in verschiedene Bereiche reinschnuppern kann. Wenn ich an unsere Generation denke, glaube ich, dass wir in Deutschland trotzdem noch diesen Sicherheitsfaktor haben.

Das stimmt. Es hört sich oft nur so an, als wünschen wir uns tausend Möglichkeiten. Wir wollen zwar die Flexibilität, aber nachher nutzen wir sie doch nicht ganz aus. Die Sicherheit ist uns in einer gewissen Phase immer noch sehr wichtig. Das ist bei allen Generationen gleich.

Vielen Dank für das Gespräch!

* Das Interview wurde auf dem Tag der Industriekommunikation durchgeführt.

Kommentare werden geladen....

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de/ (ID: 46065101 / New Work)