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Interview Die wichtigsten Erfolgsfaktoren der digitalen Transformation

| Redakteur: Georgina Bott

„Eine erfolgreiche digitale Transformation ermöglicht es am Ende, viel agiler zu reagieren“, verrät uns Dr. Rahmyn Kress im Interview. Wir haben mit ihm über die Erfolgsfaktoren der digitalen Transformation gesprochen und wie die diese bei Henkel durch die Innovationsplattform HenkelX gelingt.

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Was braucht es, um in der digitalen Transformation richtig durchzustarten?
Was braucht es, um in der digitalen Transformation richtig durchzustarten?
(Bild: gemeinfrei / Unsplash)

Welche Erfolgsfaktoren spielen in den nächsten fünf bis zehn Jahren hinsichtlich der Digitalisierung eine konkrete Rolle? Wie können Industrieunternehmen die digitale Transformation vorantreiben? Und welche Rolle spielt dabei eigentlich Künstliche Intelligenz? Das wollten wir von Dr. Rahmyn Kress im Interview erfahren. Im Jahr 2017 startete er bei Henkel als Chief Digital Officer und Vorsitzender des Digital Executive Committees. Im Februar 2018 gründete er dann gemeinsam mit Marius Swart HenkelX, eine offene Innovationsplattform, die die unternehmerische Transformation von Henkel beschleunigt. Nach nur zwei Jahren war der Grundstein gelegt und Dr. Rahmyn Kress stellte im Oktober 2019 HenkelX Ventures auf, wodurch Investitions- und Innovationstätigkeiten gebündelt werden. In unserem Gespräch mit ihm, verrät er uns seine Erfahrungen und Learnings aus dem digitalen Wandel bei Henkel.

Welche Erfolgsfaktoren werden hinsichtlich der Digitalisierung in den nächsten fünf bis zehn Jahren eine konkrete Rolle spielen?

Dr. Rahmyn Kress: Digitalisierung bedeutet vor allem Vernetzung und neue Formen der Interaktion. Durch die Digitalisierung wurden viele Dienste hervorgebracht, die wir heute nutzen und auch in den nächsten Jahren nutzen werden. Je nach Perspektive sind die Erfolgsfaktoren unterschiedlich. Aus der Unternehmensperspektive ist zentraler Erfolgsfaktor die Fähigkeit, den eigenen Unternehmenszweck zu hinterfragen und gegebenenfalls anzupassen oder zu erneuern. Aus gesellschaftlicher Sicht spielt es eine übergeordnete Rolle, passende Rahmenbedingungen zu schaffen. Diese sind wichtig, um sicherzustellen, dass es eine Infrastruktur und Gesetzgebung gibt, die neue, bahnbrechende digitale Entwicklungen ermöglicht und gleichzeitig eine umsichtige, intelligente Anwendung zum Wohle der Gesellschaft vorsieht. Aus der individuellen Perspektive ist das Thema Wissen und „Fit“ für die künftigen Anforderungen des Arbeitsmarktes essenziell, da sich Berufsprofile ändern werden und jeder auch selbst dazu beitragen muss, sich neues Wissen anzueignen und offen für neue Entwicklungen zu sein. Es braucht ein enges Zusammenspiel aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, um den Wandel nachhaltig und zukunftsfähig zu gestalten.

Stichwort: Industrie 4.0 & Co.: Wie wichtig wird es, sich mit neuen Technologien im Produktportfolio zu beschäftigen?

Das ist auch heute schon unerlässlich und wird in den nächsten Jahren noch existenzieller werden. Industrie 4.0 bedeutet ja auch, eine höhere Flexibilität in der Produktion durch Vernetzung der gesamten Wertschöpfungskette zu erzielen. Denken Sie nur mal an die Automobilproduktion und das vor Jahren entwickelte wegweisende Just-in-time Produktionsmodell. Mit Hilfe von Industrial Internet of Things beziehungsweise Industrie 4.0 wird die Möglichkeit der effizienten Lieferkette vom Rohmaterial bis zur Auslieferung Realität. Hier geht es für große und kleine Unternehmen darum, sich mit den Möglichkeiten auseinanderzusetzen, zu experimentieren und zu lernen. Das ist wichtig, um eigene Erfahrungen und auch Irrwege auszuloten und sich so als Unternehmen weiterzuentwickeln sowie einen eigenen Beitrag zur Digitalisierung der Geschäftswelt leisten zu können.

Wie können Unternehmen diese Expertise dazu gewinnen? Und wie machen Sie das konkret bei Henkel?

Expertise gewinnen bedeutet immer Geld und Zeit zu investieren – das muss mir als UnternehmerIn klar sein, das muss ich wirklich wollen. Das sind Investitionen, die ich vielleicht kurzfristig lieber an anderer Stelle sehen würde, aber langfristig gesehen, sind diese Investitionen ein enormer Gewinn. Das Gute ist ja, dass es inzwischen viele wirklich großartige Expertinnen und Experten auf diesem Gebiet gibt – und gleichzeitig ist es noch nicht zu spät, um diese Umwälzungen im Unternehmen anzustreben.

Bei Henkel haben mein Co-Gründer Marius Swart und ich die Innovationsplattform HenkelX gegründet, um die Digitalisierung des Konzerns zu beschleunigen. Innerhalb von nur 18 Monaten ist es uns gelungen, den Wandel bei Henkel mit HenkelX in den drei Bereichen Ökosystem, Innovation und Interaktion erfolgreich voranzutreiben. Auf diese Leistung unseres Experten-Teams bin ich unheimlich stolz, denn es zeigt, was möglich ist, wenn wir uns trauen, neue Wege gehen.

Im Oktober 2019 konnten wir zudem den Henkel Venture Funds übernehmen und agieren nun als HenkelX Ventures noch stärker nach außen. Unser Ziel ist es, digitale Innovationen voranzutreiben und disruptive Geschäftsmodelle für die gesamte Industrie in Europa zu schaffen. Unsere Vision ist es, dabei verstärkt in junge Unternehmen und Start-ups zu investieren, die dann mit unserer Hilfe ihre Ideen in einem agilen Umfeld weiterentwickeln können und von unserem Ökosystem, bestehend aus über 200 Mentorinnen und Mentoren und einer wachsenden Anzahl an Industriepartnern, zu profitieren. Und das wiederum hilft weiteren Unternehmen bei der Frage nach der richtigen Expertise.

Dr. Rahmyn Kress ist Leiter der HenkelX Ventures und Founder der HenkelX.
Dr. Rahmyn Kress ist Leiter der HenkelX Ventures und Founder der HenkelX.
(Bild: Henkel AG & Co. KGaA)

Und intern: Welche Rolle spielt KI als neue Technologie bei der nachhaltigen Innovation von Retail Marketing, Online- und Offline-Vertrieb?

Künstliche Intelligenz ist ein sehr spannendes Thema, das uns alle in den nächsten Jahren noch bewegen wird. KI wirft zurzeit noch viele offene Fragen auf und löst vielfach Unbehagen aus. Sicher ist, dass KI in sehr vielen Bereichen des (Arbeits-)Lebens einen Platz einnehmen wird. Wir beschäftigen uns intensiv damit und haben gerade eine Partnerschaft mit Tortoise Media lanciert, die einen globalen KI Länder-Index in 54 Ländern mit über 100 Datenpunkten aufgestellt haben. In Davos beim World Economic Forum diskutieren wir mit Experten die Chancen für eine wünschenswerte Zukunft. KI kann dazu ein wichtiger Treiber sein, wenn wir auch die ethischen Maßstäbe im Sinne einer nachhaltigen KI-Anwendung als Top-Thema auf die Agenda setzen. Ich sehe die großen Industrieunternehmen in der ersten Reihe, wenn es darum geht, sich aktiv am Wandel zu beteiligen.

Sie sprechen aber auch einen weiteren wichtigen Punkt an: Das Thema Nachhaltigkeit und Innovationen. Das mag einer der Aspekte sein, bei dem sich KI am effektivsten einsetzen lässt, gerade wenn es um das Retail Marketing und um die Optimierung des eigenen Geschäftsergebnisses geht. Und auch im Vertrieb wird sich KI als eine wichtige Komponente in den internen Abläufen erweisen. Stellen Sie sich nur einmal vor, Vertriebler könnten sich noch mehr auf ihre Kernaufgaben und zusätzliche hochwertige, veränderte Geschäftsprozesse konzentrieren, während Routineaufgaben zunehmen mithilfe von KI erledigt werden. Und genau das wird im Vertrieb, im Retail Marketing und in vielen anderen Einsatzbereichen der Fokus sein: Die KI unterstützt bei konkreten Anwendungsfällen und in Einzelbereichen die menschliche Arbeit. Ein Computersystem, das bereits auf Augenhöhe mit dem Menschen arbeiten wird, sehe ich aber in der nächsten Zeit nicht.

Wie wichtig ist es, Innovations- und Investitionstätigkeiten gebündelt zu verwalten, gerade im Hinblick auf die nachhaltige Optimierung von Vertrieb und Marketing – auch im globalen Kontext?

Ich bin ein Verfechter davon, dass große Unternehmen die enorme Chance des Wandels nutzen und beherzt zugreifen, wenn es um Innovationen und Investitionen geht. Das bedeutet, in junge Unternehmen zu investieren und so viele Veränderungen anzustoßen – von Talentmanagement über den Ausbau der unternehmerischen gesellschaftlichen Verantwortung bis hin zur Stärkung des Unternehmertums. Dadurch werden wiederum Investoren angezogen und es entsteht eine positive Spirale. Es ist quasi meine Mission in Zusammenarbeit mit Industriepartnern unsere Zukunft durch offene Innovation wirkungsvoll voran zu bringen und gemeinsam zu wachsen. Auch wenn ich stets von einem Miteinander statt einem Gegeneinander im globalen Wettbewerb um die Spitze der Digitalisierung spreche, muss ich natürlich wettbewerbsfähig bleiben, um bei diesem Miteinander auch etwas beisteuern zu können. Dies trifft aber nicht nur auf Vertrieb und Marketing zu, sondern auf viele weitere Bereiche, wie beispielsweise auch Human Resources.

Wenn ich als Unternehmer die Zukunft nicht im Blick habe, gleichzeitig aber Investitionen vornehme, handle ich äußerst kurzsichtig und nicht effizient. Auch bei Henkel haben wir Verbesserungspotenzial erkannt, sodass nun seit Oktober 2019 Innovation und Investition unter dem Dach von HenkelX Ventures zusammenlaufen.

Welchen Tipp würden Sie B2B-Unternehmen hinsichtlich der digitalen Transformation geben?

Bloß nicht kopflos „losstolpern“, aber bitte auch nicht alles bis ins letzte Detail planen! Eine erfolgreiche digitale Transformation ermöglicht es am Ende, viel agiler zu reagieren. Bereits in der Planungsphase tun sich immer wieder Dinge auf, die kleinere Kurskorrekturen nötig machen. Vor allem aber sollten alle Involvierten von dem Prozess und seiner Notwendigkeit wirklich überzeugt sein. Ein solches Projekt verträgt keine Querschläger. Daher ist eine offene Kommunikation intern unerlässlich – das bedeutet auch, gutes Zuhören, wenn jemand Bedenken oder Ängste äußert. Diskutieren Sie offen, wo Digitalisierung Ihnen Vorteile bringt und was Sie damit für Ihr Geschäft erreichen wollen. Dann überlegen Sie, wie Sie das angehen können und welche eventuell unbequemen Veränderungen dazu notwendig sind. Wir müssen die (langfristigen) Vorteile kommunizieren. Denn am Anfang bedeutet dieser Schritt erst einmal Aufwand und Arbeit.

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