Viele B2B Unternehmen investieren in Produkte, Kampagnen und CRM-Systeme – und scheitern dennoch am Cross-Selling. Der Grund liegt selten in fehlenden Angeboten. Er liegt in der Art, wie Vertriebsorganisationen gebaut sind. Was die Energiebranche dabei lehrt, ist übertragbarer, als man denkt. Nils Brettschneider von Taktsoft Energy erklärt, wie man Vertrieb über Spartengrenzen hinaus effektiv organisiert.
Unternehmen, die beginnen, ihre Go-to-Market-Struktur konsequent aus Kundenperspektive zu bauen, verändern nicht nur ihre Abschlussquote. Sie verändern, wie Kunden ihr Unternehmen wahrnehmen.
(Bild: Unsplash)
Stell dir vor, du bist Geschäftskunde bei einem Stadtwerk. Du beziehst Strom für drei Standorte, hast vor Kurzem einen Glasfaseranschluss gebucht und wirst jetzt von zwei verschiedenen Kundenberatern betreut, hast zwei Kundennummern, Betreuung und Kundenservice findet per E-Mail statt und erhältst Angebote, die keinerlei Kenntnis davon verraten, was du bereits bezahlst. Das ist keine Ausnahme. Das ist die Regel.
Dieses Erlebnis ist das natürliche Ergebnis einer Vertriebsorganisation, die entlang interner Produktlogik gebaut wurde und nicht entlang der Realität ihrer Kunden. Solche Prozesse kann man nicht nur bei Energieversorgern beobachten – Im B2B Vertrieb läuft es oft so oder ähnlich. Doch es geht besser.
Das eigentliche Problem: Go-to-Market ist auf interne Logik optimiert
Die meisten B2B Unternehmen organisieren sich nach dem, was sie verkaufen: Produkte, Business Units, Sparten. Das ergibt aus einer internen Steuerungsperspektive Sinn. Aus Kundenperspektive entstehen dadurch aber Brüche. Zwei Produkte beim gleichen Anbieter bedeuten häufig zwei Websites, zwei Ansprechpartner, zwei getrennte Prozesse. Das Resultat: Cross-Selling-Potenziale werden nicht gehoben, Kunden werden nicht gebunden. Nicht, weil die Produkte fehlen, sondern weil die Organisation sie nicht zusammenbringen kann.
In der Energiebranche ist dieses Muster besonders ausgeprägt. Strom, Glasfaser, Ladeinfrastruktur, energienahe Dienstleistungen: all das kann heute ein einziger Anbieter leisten. Und doch agieren viele Stadtwerke und Regionalversorger weiterhin in separaten Sparten, mit separaten Systemen, separaten Kampagnen und separaten Vertriebszielen. Das ist kein Energie-Problem. Es ist vielmehr ein Strukturproblem und es betrifft praktisch jeden B2B Anbieter, der mehr als ein Produkt im Portfolio hat.
Was wirklich im Weg steht: Kundendaten, Einwilligungen & Produktführung
Wer Cross-Selling als reines Kampagnenthema behandelt, verpasst die entscheidenden Hebel. Aus der Arbeit mit Unternehmen in der Energiewirtschaft zeigen sich drei Ursachen, die regelmäßig unterschätzt werden.
1. Der nicht konsolidierte Kundendatensatz. Viele Unternehmen haben für ein und dieselbe Kundenorganisation mehrere Kundennummern, die sich nach Sparte, nach Tochtergesellschaft, nach historisch gewachsener Systemlogik richten. Niemand kann dann zuverlässig sagen, welche Produkte ein Kunde bereits bezieht, welche Standorte betreut werden und was sinnvollerweise als Nächstes angeboten werden könnte. Ohne eine konsolidierte Kundensicht ist systematisches Cross-Selling schlicht nicht möglich.
2. Inkonsistentes Einwilligungsmanagement. Ein Kunde oder eine Kundin hat für die Kommunikation mit der Energiesparte eingewilligt, aber nicht für Telekommunikation. Eine Einwilligung gilt für E-Mail, aber nicht für Telefon. Historisch gewachsene Systeme verwalten Opt-ins isoliert, ohne Querverbindung. Die Konsequenz: Kampagnen werden aus Compliance-Gründen gestoppt oder gar nicht erst gestartet, der Vertrieb agiert auf Zuruf statt systematisch. Trigger-basierte Automatisierung bleibt ein Wunschgedanke.
3. Neue Produkte, die nicht andocken. In vielen Organisationen folgt Produkteinführung einem festen Muster: Produkt entwickeln, Vertrieb schulen, Kampagne starten. Was dabei unterbleibt: die Integration in bestehende Customer Journeys und laufende Vertriebsprozesse. Neue Produkte werden nicht an Verlängerungsanlässe, nicht an bestehende Touchpoints angebunden. Sie entstehen als Inseln und bleiben es – zulasten des Up- und Crosssellings.
Die Wurzel des Problems ist also nicht eindimensional, sondern liegt in verschiedenen Ebenen der Kundenansprache, -gewinnung und -betreuung. Was all diese Situationen verbindet, ist eine strukturelle Gemeinsamkeit: Das Unternehmen denkt in Produkten. Der Kunde denkt in Problemen, Standorten, Budgets und Beziehungen. Solange diese Perspektiven nicht zusammengebracht werden, bleibt Cross-Selling ein Zufallsprodukt.
Die gute Nachricht ist, dass sich bereits mit einigen wenigen Hebeln ein Großteil des Sands im Getriebe loswerden lässt.
Vier wirksame Hebel für spartenübergreifenden Vertrieb
Eine gute Nachricht vorweg: Eine funktionierende Lösung braucht keine vollständige Systemtransformation. Was erfolgreiche Organisationen auszeichnet, ist ein pragmatisches Vorgehen entlang konkreter Hebel.
1. Schichtprinzip statt Big Bang. Statt bestehende Systeme auszutauschen, bauen erfolgreiche Unternehmen eine Integrationsschicht darüber: eine zentrale Produkt- und Preisdatenbank als logische Klammer, ein Frontend für Angebots- und Abschlussprozesse, ein Kundenportal als persistente Interaktionsschicht. Bestehende Systeme bleiben erhalten, werden aber funktional entkoppelt und neu zusammengesetzt. Das reduziert Risiko und ermöglicht schrittweise Verbesserung.
2. Anlässe statt Produkte denken. Cross-Selling funktioniert dann, wenn es an konkrete Situationen gebunden ist. Vertragsverlängerung Strom? Dann ist der Moment für ein Angebot zu Photovoltaik oder Speicher. Standorterweiterung? Dann gehören Glasfaser, Energie und Ladeinfrastruktur in ein kombiniertes Paket. Lastprofiländerung? Dann sind RLM-Angebote das richtige Thema. Wer situativ statt generisch anbietet, erhöht Relevanz und Conversion und stärkt gleichzeitig die Kundenbeziehung.
3. Einheitliche Produktlogik. Ein oft übersehener Erfolgsfaktor ist die Harmonisierung der Produktmechanik: gemeinsame Laufzeit- und Preislogik über Produkte hinweg, vergleichbare Angebotsstrukturen, zentrale Kalkulation. Erst dann werden Produkte wirklich kombinierbar, kann der Vertrieb Pakete schnüren, und können digitale Prozesse wiederverwendet werden. Die Komplexität sinkt für den Vertrieb und für die Kunden.
4. Organisatorische Stellschrauben. Cross-Selling entsteht nicht durch guten Willen; es muss strukturell ermöglicht werden. Das bedeutet: Verantwortung muss vom Produkt zum Kunden verlagert werden, mit durchgängigen Account-Verantwortlichen als zentraler Anlaufstelle. Das bedeutet: Vergütungsmodelle müssen umgestellt werden, sie sollten weg von Einzelproduktprovisionen, hin zu Anreizen auf den gesamten Kundenwert verlagert werden. Das langfristige Ziel ist eine integrierte Pipeline, die allen beteiligten Teams spartenübergreifende Sichtbarkeit auf Opportunities und Aktivitäten gibt.
Was schiefgehen kann – und warum es trotzdem lohnt
Spartenübergreifender Vertrieb schafft auch neue Spannungsfelder, die Unternehmen nicht ignorieren sollten. Sparten haben eigene Ziele, die mit globaler Kundenorientierung in Konflikt geraten können. Neue Vergütungsmodelle brauchen Zeit zur Akzeptanz. Mehr Produktkombinationen bedeuten mehr Komplexität, vor allem in Preislogik, Angebotsprozessen und IT-Systemen. Und die Einführung neuer Produkte über Spartengrenzen hinweg erfordert Abstimmung, die Tempo kostet.
Die Antwort auf diese Spannungen liegt nicht in ihrer Vermeidung, sondern in kluger Standardisierung: Flexibilität im Kundenfrontend, strikte Konventionen im Hintergrund. Klare Produktmodelle und definierte Integrationsmechanismen machen das möglich, ohne, dass jede neue Produktkombination zum Sonderprojekt wird.
Und es lohnt sich, pragmatisch anzufangen. Cross-Selling-Initiativen müssen nicht auf einen Schlag über alle Produkte und Bereiche hinweg realisiert werden, um Wert zu schaffen. Bereits die Integration von zwei Produktbereichen – zwei Sparten, zwei Journeys, zwei Teams – erzeugt relevante Effekte in der Topline.
Was andere B2B Branchen mitnehmen können
Die beschriebenen Muster sind nicht energiespezifisch. Sie tauchen überall dort auf, wo Unternehmen mehr als ein Produkt verkaufen und ihre Organisation noch nicht auf diese Realität ausgerichtet haben.
Telekommunikationsanbieter kennen die Herausforderung, Connectivity, Cloud und Security gemeinsam zu vermarkten und scheitern daran, weil Vertragslogik, Supportprozesse und Abrechnungssysteme nach wie vor getrennt laufen. Ein Gewerbekunde, der Internetleitung, Telefonanlage und Managed Security von einem Anbieter bezieht, hat in der Praxis trotzdem drei Ansprechpartner und drei Vertragsdokumente. Die Bündelung existiert auf dem Deckblatt des Angebots, nicht in der Betriebsrealität dahinter.
Industrieunternehmen kämpfen mit einer verwandten Frage: Wie lassen sich Maschinenverkauf, Wartungsverträge und digitale Services als integriertes Angebot darstellen, wenn Vertrieb, Service und Softwareeinheit organisatorisch getrennt agieren? Hier ist das Silo-Problem oft noch tiefer verankert, weil es historisch gewachsene Kulturen und unterschiedliche Margen widerspiegelt. Der Außendienst verkauft die Maschine und denkt nicht an das Servicemodell. Der Servicevertrieb kommt später und muss mühsam nachqualifizieren, was die Kundschaft überhaupt betreibt.
Stand: 08.12.2025
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Softwareanbieter schließlich kennen das Problem in der Variante der Produktfragmentierung: Kernprodukt, Add-ons, Professional Services, Schulungen: alles aus einer Hand, aber selten aus einem Guss. Kunden navigieren sich durch separate Buchungsprozesse, unterschiedliche Ansprechpersonen und voneinander unabhängige Lizenzmodelle. Upselling passiert, wenn überhaupt, auf Initiative der Kunden und seltener weil der Anbieter es systematisch ermöglicht hat.
Das übertragbare Prinzip ist deshalb einfach zu benennen, aber schwer umzusetzen: Cross-Selling funktioniert nur dann, wenn Produkte technisch, prozessual und organisatorisch integriert sind. Nicht als Kampagne. Nicht als Projekt. Sondern als Betriebsmodell.
Unternehmen, die das verstehen und beginnen, ihre Go-to-Market-Struktur konsequent aus Kundenperspektive zu bauen, verändern nicht nur ihre Abschlussquote. Sie verändern, wie Kunden ihr Unternehmen wahrnehmen: nicht als Anbieter von Produkten, sondern als Partner für Lösungen. Das ist der eigentliche Wettbewerbsvorteil.
*Nils Brettschneider ist Geschäftsführer von Taktsoft.