Interview Abenteuer Inklusion begegnen

Ein Gastbeitrag von Arne Wettig* 4 min Lesedauer

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Wie gelingt Unternehmen ein inklusiver Arbeitsalltag, und warum zögern viele noch immer? Arne Wettig, Geschäftsführer bei Pfennigparade Business. Inklusiv., zeigt auf, dass Inklusion unabhängig von Unternehmensgröße erfolgreich umgesetzt werden kann – oft einfacher, als man denkt. Sein Ratschlag für Unternehmen: Barrieren überwinden – und einfach anfangen.

Gemeinsam stark im Arbeitsalltag: Vielfältige Teams profitieren von unterschiedlichen Perspektiven und Talenten.(Bild:  Unsplash)
Gemeinsam stark im Arbeitsalltag: Vielfältige Teams profitieren von unterschiedlichen Perspektiven und Talenten.
(Bild: Unsplash)

Eine inklusive Zukunft bedeutet, dass Menschen mit und ohne Behinderung nicht nur gemeinsam leben, sondern auch gemeinsam arbeiten. Dennoch zögern immer noch viele Unternehmen, wenn es darum geht, diverse Teams zusammenzustellen. Woran liegt das?

Arne Wettig: Ein Grund dafür ist sicherlich eine unzureichende Kommunikation über Möglichkeiten, wie Unternehmen den Arbeitsalltag für Mitarbeitende inklusiv gestalten können. Grundsätzlich ist es per Gesetz fest geregelt, dass Betriebe ab 20 Angestellten fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Menschen besetzen. Wird das nicht erfüllt, sind sie verpflichtet eine Ausgleichsabgabe zu zahlen. Wenn sie aber Dienstleistungen von einer offiziell anerkannten Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Anspruch nehmen, wie zum Beispiel von Pfennigparade Business. Inklusiv., haben sie die Möglichkeit, sich einen Teil der gezahlten Ausgleichsabgabe erstatten zu lassen.

In meiner täglichen Arbeit sehe ich, dass die Bereitschaft zu mehr Inklusion da ist. Die tatsächliche Umsetzung ist es, die für die meisten eine große Herausforderung darstellt. Das zeigen auch die Ergebnisse einer internationalen Vergleichsstudie von Indeed: Deutschland liegt bei den Themen Diversity und Inklusion weit hinten. Weniger als ein Drittel der Befragten gab zum Beispiel an, einen Gleichstellungsbeauftragten im Unternehmen zu haben. Gleichzeitig bewerten nur 36 Prozent die Bemühungen ihres Arbeitgebers als gut – u.a. aufgrund fehlenden Wissens. Damit sind wir dann wieder bei der mangelhaften Informationslage.

Für Viele ist das Thema Inklusion also noch ein „Abenteuer“, das mit viel Aufwand verbunden ist. Können kleinere Unternehmen, die über weniger Ressourcen verfügen, das organisatorisch überhaupt abbilden?

Absolut. Diesem Mythos – Inklusion können nur große Unternehmen – möchte ich klar widersprechen. Inklusion ist keine Frage der Größe, jeder Betrieb kann sie umsetzen. Es gibt viele einfache, aber wirkungsvolle Maßnahmen, die ergriffen werden können, um inklusiver zu werden – unabhängig von der Größe oder den verfügbaren Ressourcen. Ein erster game changer ist es hier, eingefahrene Wege zu hinterfragen und gezielt nach Bedürfnissen und Talenten der betreffenden Mitarbeitenden zu schauen. Dann können sich Mitarbeitende frei entfalten. Alle diese Maßnahmen lassen sich mit überschaubaren Mitteln – unabhängig von der Unternehmensgröße oder auch Branche – realisieren. Wichtig ist darüber zu sprechen und einen Dialog anzufangen.

Ein weiterer Punkt betrifft arbeitsorganisatorische Maßnahmen. Für Mitarbeitende mit chronischen Erkrankungen oder körperlichen Einschränkungen sind zum Beispiel starre Arbeitszeiten oft schwierig. Sie benötigen mehr Flexibilität im Arbeitsablauf. Neben solchen organisatorischen Aspekten spielt auch die Ausstattung des Arbeitsplatzes eine zentrale Rolle. Der Bedarf an speziellen Hilfsmitteln für den Arbeitsplatz ist je nach Behinderungsbild sehr unterschiedlich. So kann ein besonderer Stuhl, eine Bildschirmlupe oder eine Braille-Tatstatur gezielt bei persönlichem Bedarf angeschafft werden.

„Inklusion wird häufig nur mit Inklusion von Menschen mit sichtbaren Behinderungen bzw. mit der Vermeidung sichtbarer Barrieren assoziiert. Warum greift dieses Verständnis zu kurz?

Genau – Inklusion bedeutet weit mehr, als nur sichtbare Barrieren zu beseitigen. Häufig wird der Begriff auf Menschen mit körperlich sichtbaren Einschränkungen beschränkt, dabei umfasst wahre Vielfalt viele weitere Dimensionen: Dazu gehören auch Menschen mit unsichtbaren Behinderungen (zum Beispiel Diabetes), mit kognitiven Einschränkungen oder – nach einem weiter gefassten Inklusionsbegriff – mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, sexuellen Orientierungen oder Glaubensrichtungen. Wir müssen Inklusion als einen ganzheitlichen Ansatz verstehen: Es geht darum, ein respektvolles und Selbstbestimmung förderndes Umfeld für alle zu schaffen – unabhängig von individuellen Merkmalen.

Außerdem möchte ich mit einem weit verbreiteten Vorurteil aufräumen: dem Gedanken, dass Menschen mit Beeinträchtigungen viele Tätigkeiten nicht ausüben könnten. Das ist pauschal falsch. Entscheidend ist, dass alle Mitarbeitenden – mit oder ohne Beeinträchtigung – unterschiedliche Stärken und Fähigkeiten mitbringen. Ziel sollte es sein, diese Stärken und Fähigkeiten so einzusetzen, dass Mitarbeitende ihr Potenzial entfalten und einen echten Mehrwert für Team und Organisation leisten können. Mit den richtigen Rahmenbedingungen gelingt das oft sogar besser, als man denkt.

Welche Bedeutung hat das richtige Mindset für Unternehmen, die Inklusion und Diversität glaubwürdig leben wollen?

Das richtige Mindset ist die Grundlage für echte Inklusion – es beginnt mit einem Umdenken. Das wird vor allem dadurch gefördert, dass Menschen sich in Situationen begegnen. Bei Pfennigparade Business. Inklusiv. arbeiten Menschen mit und ohne Beeinträchtigung selbstverständlich zusammen. Das baut Berührungsängste ab, oft ganz nebenbei – im direkten Austausch, durch gemeinsame Projekte, durch den ganz normalen Arbeitsalltag. Und genau das ist so wertvoll.

Inklusion darf kein Einzelprojekt sein. Sie muss langfristig Teil der Unternehmens-DNA werden. Das passiert nicht von heute auf morgen, es ist ein Prozess, der Zeit braucht. In Unternehmen mit einem inklusiven Mindset wird Inklusion und Diversity nicht nur intern gelebt, sondern auch extern gefördert z.B. durch die Gestaltung der Produkte und Dienstleistungen, die vermarktet werden. Diese werden von Beginn an inklusiv gedacht. Eine wichtige Rolle spielt dabei beispielsweise die digitale Barrierefreiheit, also der hürdenfreie Zugang zu digitalen Informationen auf Websites, in Onlineshops, in Apps, in digitalen Dokumenten.

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Was ist abschließend ihr wichtigster Ratschlag für Unternehmen, die noch Berührungsängste gegenüber Inklusion am Arbeitsplatz haben?

Tatsächlich „Machen!“ Ausprobieren schadet nicht, im Gegenteil. Unterstützungsangebote oder Förderprogramme können in Anspruch genommen werden. Eine erste Anlaufstelle bieten professionelle Ansprechpartner, wie beispielsweise die zuständigen Inklusionsämter, die Integrationsfachdienste, die Bundesagentur für Arbeit oder die EAA (Einheitliche Ansprechstellen für Arbeitgeber), die bundesweit und kostenlos zu allen sozialen, organisatorischen, rechtlichen und finanziellen Fragen rund um Inklusion beraten. Und natürlich hilft es, darüber zu sprechen, um Barrieren abzubauen – sei es mit den eigenen Mitarbeitenden, im B2B-Bereich oder im persönlichen Umfeld.

*Arne Wettig, selbst infolge eines Sportunfalls körperbehindert, ist Geschäftsführer bei Pfennigparade Business. Inklusiv.

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