Mitarbeiter als Transformator

Wie Mitarbeiter das Unternehmen digital transformieren

| Autor / Redakteur: Prof. Dr. Niklas Mahrdt / Georgina Bott

Die Mitarbeiter eines Unternehmens können maßgeblich zur Digitalen Transformation beitragen.
Die Mitarbeiter eines Unternehmens können maßgeblich zur Digitalen Transformation beitragen. (Bild: gemeinfrei / CC0)

In vielen Unternehmen laufen mittlerweile die Vorbereitungen auf die Digitalisierung mit zunehmender Geschwindigkeit – mit neuen Technologien, Digitalexperten und Geschäftsmodellen. Eine Gruppe von großer Bedeutung wird dabei häufig übersehen: die eigenen Mitarbeiter und ihr unschätzbares Erfahrungswissen.

Industrie 4.0, IoT, Blockchain, Künstliche Intelligenz, Robotik, Augmented Reality, Agil – die Liste ließe sich noch beliebig weiter fortsetzen. Alles Begriffe, die gegenwärtig in Führungsetagen zu besorgtem Stirnrunzeln führen. Man weiß ja, man tut ja, man ist auf Kongressen, tauscht sich mit Spezialisten aus, hat Kontakte zu Start-Ups geknüpft und sucht immer noch eine(n) Chief Digital Officer oder Head of Digital. Leider aber gehen die Monate ins Land und der Einsatz zentraler digitaler Technologien oder etwa agiler Arbeitsmethoden ist vielerorts noch nicht einmal in Ansätzen erkennbar. Stirnrunzeln kommt immer dann, wenn die Führungsetage realisiert, dass der große Veränderungsschub erst noch kommt. An ehrgeizigen Zielen mangelt es nicht, aber häufig an der Einbindung der MitarbeiterInnen.

Im tagtäglichen Kleinklein erleben derzeit Millionen von Berufstätigen Produktivitätsschübe durch die Perfektion der Amazon-Prozesse. Kundenzentrierung wird dort mit Hilfe von Daten zur Perfektion getrieben. Ähnlich verhält es sich auch bei der Reisebuchung, wo im Handumdrehen Tausende von Hotelanlagen besucht, Filterfunktionen aktiviert, Kundenbewertungs-Algorithmen verinnerlicht werden und mit Hilfe von Preisagenten stets das Haushaltsbudget im Gleichgewicht bleibt. Konsumerisierung nennt man dieses Erleben von perfektionierten digitalen Business-Prozessen im Privatleben. Das unterscheidet die Innovationssprünge der vorherigen Jahrzehnte von der Digitalisierung: Jeder kann es tagtäglich erleben und viele stellen sich mittlerweile die Frage, warum das mit der Kundenzentrierung in der eigenen Firma noch nicht so funktioniert.

Vorstände sind nicht auf digitale Prozesse vorbereitet

Eine Analyse von Prof. Dr. Julian Kawohl (htw Berlin) und Dr. Jochen Becker (Investment Lab Heilbronn) bestätigt die Entwicklung. Die überwiegende Mehrheit aller DAX- und MDAX-Vorstände verfügt nur über eine gerade mal ausreichende digitale Expertise. Kawohl und Becker studierten dazu mehr als 400 Lebensläufe von Vorständen und stellten fest: 92 Prozent der CEOs haben in ihrer Karriere bisher keinerlei praktische Erfahrung mit der digitalen Welt gesammelt. Ein ähnliches Bild zeichnen Befragungen vom Mittelstand. Auch dort lässt das digitale Know-how und damit verbunden der Fortschritt bei der Digitalen Transformation viele Wünsche offen.

10-Punkte-Veränderungsplan

Immer dann, wenn es in der Geschichte des Managements erfolgreiche Fallbeispiele für die Bewältigung von technologischem Wandel gab, wurden die Grundlagen durch eine motivierte und engagierte Mitarbeiterschaft gelegt. Der nachfolgende Vorschlag zu einer Vorgehensweise bei der Digitalen Transformation stellt die Mitarbeiter klar in den Vordergrund:

1. Status Quo bei Digitalisierung & Co. gemeinsam mit den Mitarbeitern hinterfragen
Die relevanten technologischen Entwicklungen sowie der Status Quo sollte gemeinsam mit interessierten Kollegen sondiert werden. Dabei sollten drei Dimensionen die Überschrift bilden: Digitalisierungsbedarf bei internen Prozessen, Optimierungsbedarf bei der Kundenzentrierung und Status der innovationsorientierten Unternehmenskultur.

2. Promotoren und Veränderungsbereite identifizieren
Für alle Mitarbeiter und Führungskräfte gilt: das Wichtigste ist die Bereitschaft, sich zu verändern und lernen zu wollen. Offenheit für Neues sollte auch von den Führungskräften vorgelebt werden. Wie entwickelt sich die Meinungsbildung zur Digitalen Transformation im Unternehmen?

3. Job- und Rollenprofile definieren
Welche Fähigkeiten sind im Unternehmen vorhanden? Welche neuen und zukünftigen Job- oder Rollenprofile gibt es und welche Skills sind dafür erforderlich? Wo bestehen Kompetenzlücken?

4. Lern- und Entwicklungsziele ableiten
Aus einem Soll- und Ist-Vergleich werden Trainingsziele abgeleitet. Wie können die Trainingsziele zum Beispiel durch Webinare, Massive Open Online Courses (Anm.: MOOCS sind kostenlose Kurse im Internet), Brown Bag Sessions (in der Mittagszeit schulen eigene Mitarbeiter mit kurzen Wissenshäppchen die Kollegen während diese essen) oder auch durch klassische Präsenzseminare erreicht werden?

5. Neue Kommunikationstools sondieren und für innovative Prozesse einsetzen
Eine ganze Reihe neuer Tools zur Organisation agiler Arbeitsweisen ist in den letzten Monaten auf den Markt gekommen. Mit Hilfe dieser Tools lassen sich abteilungs- und teamübergreifende Projekte, auch unter Nutzung von mobilen Endgeräten, produktiv managen. Tools für agiles Arbeiten und effektive Kollaboration sind zum Beispiel Slack, Jira, Trello oder Asana. Die Eignung des jeweiligen Tools hängt natürlich immer von den jeweiligen Gegebenheiten und der Unternehmensarchitektur ab.

6. Ideen und Teams generieren und auf Kundenzentrierung fokussieren
Der Ursprung bahnbrechender Innovationen liegt nicht mehr beim einsamen Erfinder, sondern im intelligent zusammengestellten Team. Um das kreative Potenzial der Mitarbeiter auszuschöpfen, gibt es eine Reihe denkbarer Formate: möglicherweise eignet sich etwa ein firmenweit ausgeschriebener Innovationswettbewerb mit cleveren Incentives.

7. Räumliche Veränderungen und Flächen zur Zusammenarbeit initiieren
Wie können zeitliche Freiräume und räumliche Flächen geschaffen werden, die zur Umsetzung neuer digitaler Projekte genutzt werden können? So haben einige Unternehmen bereits begonnen, zum Beispiel eine Etage eines Gebäudes als Experimentierfläche in Form eines Co-Working-Spaces umzubauen und für abteilungsübergreifendes Zusammenarbeiten von Mitarbeitern zu öffnen.

8. Erste digitale Referenzprojekte umsetzen
Die durch die Punkte 1 bis 7 entstandenen Ideen und Projekte sollten dann je nach kurzfristiger Machbarkeit umgesetzt werden.

9. Erfolge und Misserfolge analysieren und Daten sammeln
„Build, Measure, Learn“ lautet ein Grundsatz des agilen Arbeitens. Nicht alles wird im ersten Anlauf glücken, aber entstehende Daten sollten für die Lernkurve genutzt werden.

10. Gehalts- und Anreizsysteme graduell ändern, um mehr Eigeninitiative zu fördern
Sobald erste Erfolge entstehen und vielleicht sogar teilweise zu neuen Produkten und Angeboten führen, werden involvierte Mitarbeiter nach einer angemessenen erfolgsabhängigen Bezahlung fragen. Die Unternehmen sollten frühzeitig überlegen, welche Anreizstrukturen dafür geeignet sind.

Die einzelnen Schritte des 10-Punkte-Plans zeigen, wie wichtig es ist, Mitarbeiter zu motivieren und zu unterstützen. Die Elemente des Plans an sich sind aber auch schon ein Zeichen für einen Paradigmenwechsel. Bislang gültige Management-Methoden verlieren in der digitalen Welt an Bedeutung. Gefragt sind nicht mehr Anweisungen der Geschäftsführer, die umgesetzt werden müssen. Digital Leader beziehen ihre Mitarbeiter ein, stellen ihnen die richtigen Fragen und coachen ihre Teams, lassen sie aber sonst weitgehend eigenverantwortlich arbeiten – sie nutzen damit deren Potenzial für ein agiles Unternehmen.

Corporate Barcamps zur Digitale Transformation

Gibt es eine Methode mit Hilfe derer dieser enorme Kulturwandel von Beginn an gelebt werden kann? Ja! Mit einem Corporate Barcamp. Dabei können alle Teilnehmer den Ablauf beeinflussen, organisieren, eigene Themen in sogenannte Sessions einbringen und sich mit Gleichgesinnten abstimmen. Der offene Austausch fördert höchst kreative und innovative Ansätze, die ohne das Barcamp nie entwickelt worden wären. Weitere Vorteile sind der intensive Wissensaustausch, die Motivation der Mitarbeiter sowie die langfristigen Impulse, die von einer solchen Veranstaltung ausgehen können. Zudem können Führungskräfte die Gelegenheit nutzen, eine neue Seite von sich zu präsentieren. Sie werden von ihren am Barcamp teilnehmenden Mitarbeitern als nahbarer, authentischer und „demokratischer“ wahrgenommen.

Corporate Barcamp als Einstieg in die Digitalisierung

„Campen“ für den Kulturwandel

Corporate Barcamp als Einstieg in die Digitalisierung

10.08.18 - Die digitale Transformation ist mehr als ein IT-Projekt. Ohne eine Unternehmenskultur, die Mitarbeiter in Veränderungsprozesse einbindet, funktioniert die Digitalisierung nicht. Ein Corporate Barcamp kann als Einstieg in die Arbeitswelt der Zukunft dienen. lesen

Prof. Dr. Niklas Mahrdt berät, trainiert und forscht seit mehr als fünfzehn Jahren auf dem Gebiet der Digitalisierung.
Prof. Dr. Niklas Mahrdt berät, trainiert und forscht seit mehr als fünfzehn Jahren auf dem Gebiet der Digitalisierung. (Bild: Prof. Dr. Niklas Mahrdt)

Über den Autor

Prof. Dr. Niklas Mahrdt berät, trainiert und forscht seit mehr als fünfzehn Jahren auf dem Gebiet der Digitalisierung. In zahlreichen Workshops hat er namhafte Unternehmen bei der Planung und Umsetzung von Digitalisierungsstrategien unterstützt. Sein weitreichendes Netzwerk in die Start-Up-Szene setzt er wirksam für Unternehmen in Transformation ein. Mit seiner Keynote zur Digitalen Transformation hat er bereits eine Reihe von Unternehmen und deren Mitarbeiter zum Aufbruch in die Digitale Transformation motivieren können. Gemeinsam mit Ute Lange veranstaltet er Corporate Barcamps. Im Rahmen seiner Professur an der Rheinischen Fachhochschule Köln erlebt er nahezu täglich die Mediennutzung der sogenannten Digital Natives mit Bachelor und Master Studierenden.

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