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„Tag der deutschen Sprache“ 9 Thesen zur Zukunft der deutschen Sprache

| Autor / Redakteur: Murtaza Akbar / Dr. Gesine Herzberger

Die deutsche Sprache ist mächtig im Wandel. Es wird einfacher, knapper und skurriler geschrieben und gesprochen als je zuvor. Da wird geemojit, gekürzt, klein und ohne Kommas geschrieben, was das Zeug hält.

„Gehst du Kino?“, „Ischwör“ samt Emoji ;-) und fertig ist das „Kiezdeutsch“, das zunehmend auch fürs Kommunizieren über Smartphones und Tablets genutzt wird.
„Gehst du Kino?“, „Ischwör“ samt Emoji ;-) und fertig ist das „Kiezdeutsch“, das zunehmend auch fürs Kommunizieren über Smartphones und Tablets genutzt wird.
(Bild: Christof Mattes)

Eine Bedrohung für die deutsche Sprache, wie es der Verein Deutsche Sprache sieht, der den mittlerweile 16. „Tag der deutschen Sprache“ am Samstag, 10. September, veranstaltet. „Nein, die deutsche Sprache lebt und verändert sich ja ständig. Sie wird vielfältiger, bleibt sich dennoch treu und ausdrucksstark“, sagt Murtaza Akbar, Leiter des Unternehmens Wortwahl und Dozent im Studiengang Onlinekommunikation an der Hochschule Darmstadt. „Ich selbst schreibe SMS und auf WhatsApp mit Groß- und Kleinschreibung samt Kommas. Aber wer macht das noch?“, fragt Murtaza Akbar.

Ob SMS, WhatsApp, Facebook oder Snapchat – normal ist heute eher, in Kurznachrichten oder Chats alles kleinzuschreiben, ohne Kommas und gespickt mit Abkürzungen sowie Emojis, den kleinen stilisierten Bildern, Gesichtern, Händen und vielem mehr. Das kann zum „Tag der deutschen Sprache“ am 10. September 2016 nicht allen gefallen. „Bei Dialogen wie ‚Gehst du Kino?‘ ‚Ja, ischwör!‘ wird mir auch komisch“, betont Akbar. „Aber so spricht und schreibt teilweise die junge Generation heute nun mal. Wir können es verurteilen, wir können uns aber auch damit beschäftigen, wie und warum es so ist“, sagt der Sprach- und Kommunikationsexperte. Er hat aufgrund seiner Erfahrungen neun Thesen zur Zukunft der Sprache aufgestellt.

Facebook, WhatsApp, Snapchat & Co. beeinflussen die Sprache enorm

Aufgrund sozialer Medien wie Facebook, WhatsApp, Twitter oder Snapchat wird mehr geschrieben denn je. Laut Statista nutzten Ende 2015 rund 90 Prozent der 16- bis 29-Jährigen in Deutschland WhatsApp – mit großem Einfallsreichtum. Da wird gekürzt, geemojit und kleingeschrieben, was die Tastatur hergibt. Natürlich beeinflusst das auch die gesprochene Sprache. Chat-Abkürzungen wie „LOL“ (Laughing Out Loud) oder „OMG“ (Oh My God) sind längst Teil der Jugendsprache. Interessant wäre zu ermitteln, wie die 60- bis 69-Jährigen schreiben, die hierzulande inzwischen zu mehr als 50 Prozent WhatsApp nutzen?

Murtaza Akbar sieht diese Erfindungsvielfalt und die sozialen Medien grundsätzlich positiv: „Sprache lebt und hat sich schon immer verändert. Jede junge Generation entwickelt eigene Sprachbilder und Slangs. Zurzeit geschieht das nur schneller und massiver.“ Beispiele dafür gibt es mehr als genug: Bei „Wir fahren Urlaub“ oder „Kaufst du Eintrittskarte“ werden Präpositionen und Artikel kurzerhand eingespart. Sätze, bei denen der Akkusativ statt des Dativs verwendet wird, wie „Er hat es ihn versprochen“, sind auch keine Seltenheit. Dieses „Kiezdeutsch“ nutzen Deutsche wie Migranten. Akbar kennt mit seinem Migrationshintergrund beide Seiten bestens. Der gebürtige Frankfurter stammt aus Pakistan.

„Ich finde das Kiezdeutsch nicht schön, aber es ist gelebtes Deutsch. Doch warne ich beispielsweise Unternehmen davor, sich diese Sprache in ihrer Werbung oder Kommunikation zu eigen zu machen. Das wirkt aufgesetzt und anbiedernd; das durchschauen die Menschen schnell“, erläutert Akbar und gibt zwei Beispiele, wie schwierig die zielgruppengerechte Ansprache heute geworden ist: „Das Unternehmen BASF duzt konsequent jeden auf seinem Facebook-Karrierekanal, selbst Bewerber für Führungspositionen werden angesprochen mit Sätzen wie ‚Bewirb dich noch heute als Leiter Bauabteilung‘. Auf der anderen Seite siezt das Unternehmen auf seiner Webseite schon Praktikanten. Das passt nicht zusammen.“ Und aus der Bildungswelt: „Die Rektorin einer Hauptschule aus dem Rhein-Main-Gebiet fragte mich, wie sie eine Plakatkampagne erstellen soll, die für ihre Schule wirbt. Mein Rat: Sprechen Sie die Sprache Ihrer Schüler. Worauf sie erwiderte, dann ‚Isch geh Schule‘ schreiben zu müssen. Das geht natürlich nicht. Ob Schule, Unternehmen, Amt oder Organisation – korrekte Rechtschreibung und Grammatik müssen sein.“

„Lass ma zsm chillen gehen“

Die Tendenz zu kürzerer, einfacherer Sprache, die auch auf Smartphones schnell zu lesen ist, widerspricht dem nicht. Selbst Medien wie Spiegel Online mit seinem Jugendableger Bento oder die Bild-Zeitung mit ihrem Jugendportal Byou schreiben hier online kürzer und einfacher für die junge Generation. Diese Entwicklung bestätigt auch die jährliche Onlinestudie von ARD/ZDF von Oktober 2015: 72 Prozent der 14- bis 29-Jährigen gaben an, Instant-Messagingdienste wie WhatsApp für Kurznachrichten täglich zu nutzen und damit häufiger als andere Netzwerke wie Facebook (46 Prozent) oder Instagram (16 Prozent).

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