10 Leitgedanken zur Digitalen Agenda – Teil 4

Spitzenleistung braucht mehr Wertschätzung

| Autor / Redakteur: Jürgen Gietl / Georgina Bott

Deutsche Unternehmen sollten ihr Wissen über ihre Kunden als Chance zum Wachstum begreifen und ihren Traum nutzen, um Mitarbeiter, Kunden oder eine ganze Gesellschaft hinter sich zu vereinen und in Bewegung zu setzen.
Deutsche Unternehmen sollten ihr Wissen über ihre Kunden als Chance zum Wachstum begreifen und ihren Traum nutzen, um Mitarbeiter, Kunden oder eine ganze Gesellschaft hinter sich zu vereinen und in Bewegung zu setzen. (Bild: gemeinfrei / CC0)

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Deutschland hat eine wahnsinnige wissenschaftliche Kraft, die wir selbst unterschätzen, statt sie wertzuschätzen. Um als Unternehmen empathischer zu sein, sollten außerdem die eigenen Daten herangezogen werden. Denn wer sich gut in seine Kunden einfühlen kann, der weiß auch was sie bewegt.

Fünfzig Vordenker starteten auf dem „Giga Gipfel“ das „Digitale Manifest des 21. Jahrhunderts für Deutschland und Europa“. Jenseits von Geschäftsberichten und Digitalisierungs-Buzzwords wurde über eine digitale Agenda gesprochen. Zehn Leitgedanken dazu, lesen Sie in dieser Serie.

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5. Leitgedanke: Unsere Spitzenleistung braucht mehr Wertschätzung

Deutschland gehört zu den führenden Industrienationen – dennoch scheint die Gesellschaft die Spitzenleistungen hiesiger Unternehmen chronisch zu unterschätzen. Das muss sich ändern, damit mehr Wertschöpfung entstehen kann.

Die zentrale Aufgabe auf dem Weg in die digitale Welt wird sein, im jedem Schritt diese Frage beantworten zu können: Wozu digitalisieren wir eigentlich?

Wer die öffentlichen Diskussion über die Zukunft der deutschen Wirtschaft verfolgt, gewinnt womöglich den Eindruck, wir stünden unmittelbar vor dem Untergang. Weil Deutschland in allem den Anschluss verloren habe. Weil wir nicht mit Daten, Internet und Digitalisierung umgehen könnten und die GAFAs (Google, Apple, Facebook und Amazon) ab sofort die Welt regierten.

Stimmt diese Einschätzung? Hat Deutschland wirklich den Anschluss an die digitale Welt verpasst? Haben wir ein Leistungs-, Haltungs-, Kompetenz- und Talentdefizit? Oder ist es vielmehr ein Wahrnehmungsdefizit, unter dem wir leiden?

Innovationsversager oder Innovationsführer?

Lassen Sie uns zunächst ein paar Fakten zusammentragen:

In Deutschland – genauer gesagt in Nürnberg – findet alljährlich die Weltleitmesse für Automatisierung SPS statt. Nicht nur wegen des passenden Messezentrums, sondern auch, weil dort wesentliche Player und Forscher dieser Branche beheimatet sind. Darüber spricht aber keiner so wirklich.

In diesem Jahr darf das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) mit Standorten in Saarbrücken, Kaiserlautern und Bremen sein 30-jähriges Bestehen feiern. Inzwischen ist das DFKI mit 880 Mitarbeitern aus 60 Nationen eines der größten KI-Labore der Welt. Es ist die führende wirtschaftsnahe Forschungseinrichtung Europas. Fast 80 Firmen haben die Wissenschaftler bereits ausgegründet. Und mit Prof. Dr. Jürgen Schmidhuber kommt die führende Kapazität in der KI-Forschung aus Deutschland.

Ein Beispiel für die wissenschaftliche Kraft Deutschlands ist das Fraunhofer Institut, das international einen ausgezeichneten Ruf genießt. Seit Mitte der 1970er Jahre wird dort an den Grundlagen und praktischen Anwendungen für KI geforscht. Mit seiner langjährigen Erfahrung in Data Science, Mustererkennung, Systemmodellierung und -analyse gehört das Fraunhofer IAIS in Bonn mit aktuell 200 Wissenschaftlern zu den führenden Einrichtungen für angewandte Big-Data-Forschung in Europa.

Laut Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln wurden rund 52 Prozent der weltweit angemeldeten Patente für autonomes Fahren von deutschen Herstellern eingereicht. Unter den Top 10 befinden sich sechs Unternehmen aus Deutschland. Platz 1 nimmt Bosch ein – mit 958 Patenten.

Deutschland dominiert die Industrie

In 27 von 51 wesentlichen industriellen Sektoren der Welt befinden sich deutsche Firmen unter den Top 3, ergab eine Studie der Deutschen Bank. Selbst wenn die Analyse in die Breite geht, bleibt das Ergebnis gleich: Bei einer Untersuchung von 232 industriellen Subsektoren schafften es 142 deutsche Unternehmen unter die Top 3. Damit liegt Deutschland klar vor China und den USA.

Ebenfalls bemerkenswert ist das millionenschwere Bekenntnis IBMs zum Standort Deutschland. Hier schlägt das Herz der Automobil- und Fertigungsindustrie, weshalb der zweitgrößte Softwarehersteller der Welt vor zwei Jahren das globale Forschungszentrum rund um sein Superhirn „Watson" in München errichtete.

200 Millionen US-Dollar gab IBM für die Konsolidierung 20 internationaler Standorte aus – nach eigenen Angaben eine der größten Auslandsinvestitionen in den vergangenen zwei Dekaden. Bis zu 1.000 Mitarbeiter arbeiten in München an Anwendungen für KI und das Internet of Things. Das Watson-Zentrum ist Treffpunkt für Unternehmen aus aller Welt: Neben BMW forschen und entwickeln hier Firmen wie Capgemini aus Frankreich oder Mahindra aus Indien.

Hohe Innovationskraft – aber nur durchschnittliche Digitalisierungsleistung

Bei der Innovationsfähigkeit hat sich Deutschland seit 2007 von Platz 13 auf Platz 4 verbessert. Im gleichen Zeitraum ist das oft zitierte Innovationsland Schweden vom ersten auf den achten Platz abgerutscht. Die Digitalisierungsnation USA rutschte von Platz zwei auf elf, China landet derzeit gar nur auf Rang 25.

Im erstmals erhobenenDigitalisierungs-Indikator landet Deutschland allerdings tatsächlich nur auf einem enttäuschenden 17. Platz. Egal ob digitale Wirtschaft (Rang 12), Bildung (Rang 17) oder digitale Forschung/Technologien (Rang 16) – die Ergebnisse fallen in keinem Digitalbereich besonders gut aus.

Dies gilt auch für die digitale Infrastruktur, hier belegt Deutschland nur Rang 19. Will das Land bei der Digitalisierung aufholen, müssen kleine und mittlere Unternehmen (KMU) stärker einbezogen, die Aus- und Weiterbildung deutlicher in Richtung Digitalisierung ausgebaut und die IT-Sicherheit ausgebaut werden. Positiv fällt aber auf, dass die deutsche Gesellschaft digitale Technologien intensiv nutzt.

Fakten und öffentliche Wahrnehmung stimmen nicht überein

Die Grundlagen für die Zukunft der deutschen Wirtschaft sind vorhanden. Dennoch ist die öffentliche Wahrnehmung, dass wir in wenigen Jahren nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Darum müssen wir als erstes die Stimmung, Wahrnehmung und Wertschätzung verändern.

Unserer Gesellschaft muss klar werden, wozu Deutschland in der Lage ist. Wir müssen ihre Angst vor Digitalisierung nehmen und mit einem motivierenden Zukunftsbild Lust machen auf mehr Veränderung, Innovation und Digitalisierung. Und wir brauchen eine lückenlose digitale Infrastruktur.

Spitzenleistungen allein reichen nicht, um Wert zu schöpfen

Wenn wir die Digitalisierung vorantreiben und daraus Wert schöpfen wollen, reichen Spitzenleistungen jedoch nicht aus. Zunächst muss unser Publikum diese Leistungen erst einmal wertschätzen. Stiften die Spitzenleistungen der Digitalisierung jedoch für Kunden, Gesellschaft und Unternehmen keinen Wert, werden wir auch keine Wertschätzung ernten.

Die zentrale Aufgabe auf dem Weg in die digitale Welt wird deshalb sein, bei jedem Schritt diese Frage zu beantworten: Wozu digitalisieren wir eigentlich? Wenn daraus kein Vorteil für uns und unsere Kunden ensteht, ist die digitale Spitzenleistung eben nichts wert.

Wert entsteht, wenn man vom Kunden aus denkt

Was uns amerikanische Technologieunternehmen voraus haben, sind vermutlich weder Kompetenz noch Talente noch Entwicklungen. Es ist ihre Mentalität und Ideologie, vom Kunden aus zu denken. Denn jede Technologie – egal ob digital oder real – hilft nichts, wenn sie nicht einen wahrnehmbar objektiven oder subjektiven Vorteil für unsere Kunden erschafft.

Viele US-Technologieunternehmen haben es tief in ihrer Kultur verankert, erst die Lebensknappheiten ihrer Kunden zu destillieren, um diese mit einer neuen Technologie zu beseitigen. Allerdings beobachte ich auch in Gesprächen mit Startups im deutschsprachigem Raum, dass ihre Gründungsideen immer öfter zuerst aus der Kundenknappheit und dann erst aus den dafür notwendigen technologischen Lösungen entstehen.

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