Von Cloud-native zu Autonomous Commerce Wie autonomes Fahren für den B2B Handel

Ein Gastbeitrag von Mark Holenstein* 4 min Lesedauer

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Cloud-native Plattformen bilden längst die Basis moderner IT-Landschaften. Doch erst in Kombination mit Automatisierung, KI und Orchestrierung entsteht ein neues Effizienzniveau: Autonomous Commerce.

Cloud-native Plattformen der neuen Generation bilden eine flexible und skalierbare Basis, um Prozesse nicht mehr nur digital abzubilden, sondern intelligent zu steuern. (Bild:  frei lizenziert / Unsplash)
Cloud-native Plattformen der neuen Generation bilden eine flexible und skalierbare Basis, um Prozesse nicht mehr nur digital abzubilden, sondern intelligent zu steuern.
(Bild: frei lizenziert / Unsplash)

Im B2B Handel werden Prozesse immer digitaler – aber selten wirklich intelligent. Viele Unternehmen haben ihre Commerce-Systeme zwar modernisiert, kämpfen aber weiter mit Datensilos, manuellen Prozessen und einem Flickenteppich aus ERP-, PIM- und Shop-Lösungen. Anpassungen dauern Monate, Datenflüsse reißen ab, Innovationen bleiben auf der Strecke.

Anders als im B2C sind Commerce-Prozesse im B2B häufig historisch gewachsen, fragmentiert und stark von individuellen Preislogiken oder Freigabeschleifen geprägt. Unterschiedliche Kundengruppen, Vertriebsmodelle und Service-Level führen zu einer enormen Komplexität, die Skalierung erschwert und Ressourcen bindet.

Laut einer Deloitte-Studie kann smarte Automatisierung die Kosten innerhalb von drei Jahren um 31 Prozent senken. Dennoch haben bislang nur wenige Firmen die technologische Grundlage geschaffen, um datengetriebene Entscheidungen tatsächlich automatisiert umzusetzen.

Hier kommen cloud-native Plattformen der neuen Generation ins Spiel: Sie bilden die flexible und skalierbare Basis, um Prozesse nicht mehr nur digital abzubilden, sondern intelligent zu steuern. In Verbindung mit KI, Orchestrierung und Automatisierung entsteht eine Architektur, die Commerce-Prozesse eigenständig ausführt und verbessert. Das ist der Kerngedanke von Autonomous Commerce – vergleichbar mit dem autonomen Fahren: Der Mensch bleibt im Kontrollzentrum, aber Routineentscheidungen trifft das System selbst.

KI-Agenten treffen Entscheidungen in Echtzeit

Ein zentrales Element dieser Entwicklung sind KI-Agenten, die in Echtzeit auf Ereignisse reagieren und operative Entscheidungen über Systemgrenzen hinweg treffen – etwa, wenn ein Kunde eine Bestellung abbricht, weil ein Produkt nicht verfügbar ist. Statt auf manuelle Eingriffe zu warten, erkennt die Plattform das Problem, schlägt verfügbare Alternativen vor oder passt automatisch das Sortiment an.

Ein Beispiel aus der Industrie zeigt das Potenzial: Der US-amerikanische Hersteller AmerCareRoyal, der Gastronomie- und Hygieneprodukte vertreibt, nutzt KI-Agenten, um eingehende Bestellungen im PDF-Format automatisch zu erkennen, auszulesen und strukturiert an das System weiterzugeben. Die Plattform löst daraufhin selbstständig den Bestellprozess aus – ganz ohne manuelle Eingriffe. Das Ergebnis: Die Bearbeitungszeit von PDF-Bestellungen konnte um bis zu 80 Prozent reduziert werden, während gleichzeitig die Datenqualität und Prozessstabilität deutlich stiegen.

In einem anderen Fall erkannte das System Engpässe im Fulfillment-Prozess, weil Nachbestellungen nicht rechtzeitig ausgelöst wurden. Die KI-Agenten priorisierten automatisch die betroffenen Aufträge, veranlassten eine Lieferkettenaktualisierung im ERP-System und informierten den Kunden proaktiv über neue Lieferzeiten – bevor es zu einer Reklamation kam. So konnte der Hersteller seine Servicequalität verbessern und gleichzeitig seine Reklamationsquote deutlich senken.

Vorkonfigurierte Workflows ersetzen manuelle Prozesse

Moderne Plattformen liefern nicht nur die technische Basis, sondern auch inhaltlich vorgefertigte Prozesslogik. Diese vorkonfigurierten Workflows sind praxiserprobte Module für typische Commerce-Szenarien, vom Kunden-Onboarding über Preis- und Angebotsmanagement bis zur Auftragsabwicklung.

Unternehmen aus Fertigung, Großhandel oder MedTech können damit Standardprozesse sofort produktiv nutzen und Schritt für Schritt an ihre individuellen Anforderungen anpassen. So sinkt der Aufwand für Implementierung und Pflege erheblich, und Commerce-Teams gewinnen Flexibilität zurück. Besonders im B2B Kontext, wo viele Abläufe genehmigungspflichtig oder mehrstufig sind, bieten solche Workflows eine solide Balance aus Standardisierung und Anpassbarkeit.

Beispiel: Kunden-Onboarding im B2B – der Value Stream führt neue Geschäftskunden durch Stammdaten-Prüfung, Bonität, Preislisten-Zuordnung und Rollenrechte. Mehrstufige Freigaben sind vorkonfiguriert und lassen sich per Regel anpassen. Das verkürzt die Aktivierungszeit von Wochen auf Tage.

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Visuelle No-Code-Oberfläche für flexible Prozessanpassungen

Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die Möglichkeit, Abläufe eigenständig zu gestalten. Eine visuelle No-Code-Oberfläche erlaubt es Fachabteilungen, Workflows anzupassen oder neue Regeln zu definieren – ohne zusätzliche IT-Projekte oder externe Entwickler.

Gerade im B2B Umfeld, wo Vertriebsmodelle, Preisstrukturen und Produktportfolios oft kundenspezifisch sind, ist diese Agilität entscheidend. Ein Hersteller von Industrieteilen etwa nutzte No-Code-Anpassungen, um seinen Kunden im Serviceportal eine dynamische Ersatzteilverfügbarkeit anzuzeigen – inklusive Echtzeit-Preisanpassungen bei Engpässen. Die Anpassung war in wenigen Tagen produktiv, nicht in Monaten.

Solche Ansätze fördern die Zusammenarbeit zwischen Fachbereichen und IT: Statt lange Lastenhefte zu schreiben, können Commerce-Teams ihre Anforderungen direkt im System umsetzen – ein entscheidender Hebel für Geschwindigkeit und Innovationskraft.

Nahtlose Integration in bestehende Systeme

Damit solche Lösungen skalieren, müssen sie sich in bestehende Landschaften einfügen. Moderne cloud-native Plattformen sind offen, API-basiert und modular, um sich nahtlos in bestehende ERP-, PIM-, CRM- oder Logistiksysteme zu integrieren.

Gerade für mittelständische B2B Unternehmen ist diese Offenheit entscheidend: Sie erlaubt es, bestehende Systeme weiterzuverwenden und dennoch neue Anwendungen anzubinden. Statt monolithische Strukturen aufzubrechen, entsteht eine schrittweise Modernisierung, die Risiken minimiert und Investitionen schützt.

Diese Architektur ermöglicht eine kontinuierliche Weiterentwicklung: Prozesse lassen sich laufend anpassen, Integrationen bleiben stabil und neue Funktionen können nahtlos ergänzt werden. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass solche Plattformen nicht nur Prozesse digital abbilden, sondern diese auch aktiv steuern und lernen können.

Während klassische Composable-Commerce-Architekturen vor allem auf modulare Flexibilität setzen, fehlt ihnen häufig ein verbindendes operatives System, das Datenflüsse, Workflows und Entscheidungen in Echtzeit verknüpft.

Die neue Generation von cloud-nativen Commerce-Plattformen geht noch einen Schritt weiter: Sie kombiniert diese Modularität mit intelligenter Orchestrierung, Automatisierung und KI. So entsteht ein durchgängiges, lernendes Ökosystem, das sich selbst optimiert und Commerce von einem reaktiven zu einem proaktiven System macht.

Fazit: Cloud-native als Basis – Intelligent Commerce als Ziel

Der Wandel hin zu autonomen Commerce-Prozessen verändert auch die Rolle der Menschen: Fachabteilungen überwachen zunehmend lernfähige Systeme, statt manuell zu steuern. Dafür braucht es ein neues Mindset – eines, das Technologie als Partner begreift.

Wie autonomes Fahren die Mobilität neu definiert hat, wird Autonomous Commerce den B2B-Handel verändern: nicht durch neue Cloud-Architekturen, sondern durch intelligente, automatisierte und adaptive Steuerung von Prozessen.

*Mark Holenstein ist CEO von Emporix, dem Anbieter der ersten cloud-nativen Plattform für Autonomous Commerce.

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