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Expertenbeitrag

Prof. Dr. Volker Gruhn

Prof. Dr. Volker Gruhn

Vorsitzender des Aufsichtsrats

Kommentar Digital statt global – oder „Wie Technologie dabei hilft, robustere Prozesse zu schaffen“

| Autor / Redakteur: Prof. Dr. Volker Gruhn / Veronika Kremsreiter

Anlässlich der Entwicklungen der letzten Wochen durch die Corona-Pandemie fordert der BITKOM die deutsche Wirtschaft, Gesellschaft und Politik auf, eine neue Haltung zur Digitalisierung zu entwickeln und neue Wege einzuschlagen.

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Nach der Pandemie brauchen wir mehr Digitalisierungskompetenz und weniger Kosten-Controlling. Mehr durchgängige Geschäftsprozesse und weniger Medienbrüche. Mehr Orientierung an den Werten und weniger nur am Unternehmensergebnis
Nach der Pandemie brauchen wir mehr Digitalisierungskompetenz und weniger Kosten-Controlling. Mehr durchgängige Geschäftsprozesse und weniger Medienbrüche. Mehr Orientierung an den Werten und weniger nur am Unternehmensergebnis
(Bild: gemeinfrei / Pexels )

Das aktuelle BITKOM-Diskussionspapier „Digitalisierung erfordert Haltung“ soll als Weckruf dienen. Denn es ist wichtiger denn je, die Digitale Transformation in Deutschland endlich voranzutreiben. Diese These vertritt auch Volker Gruhn, Aufsichtsratsvorsitzender und Gründer der adesso SE. Anstatt wieder in alte, globale Strukturen zurückzufallen, ebnet die Digitalisierung den Weg für neue und effiziente Strategien. Sie hilft Unternehmen dabei, moderne Systeme und Anwendungen sowie stabile, lokale Prozesse aufzubauen – und die Kosten im Griff zu behalten.

Die Globalisierung kommt an ihre Grenzen

Globalisierung war eine der großen Überschriften über den letzten Jahrzehnten. Um Kosten zu senken, verteilten Unternehmen Wertschöpfungsketten quer über den Planeten. Güter – vom T-Shirt bis zum Automobil – wurden zu Globetrottern, bevor sie bei den heimischen Kunden landeten. Es entstand ein Geflecht aus Produzenten, Zulieferern, Zwischenhändlern und Logistikunternehmen. Eine Entwicklung, die lange Zeit für gute Gewinne und für niedrige Preise sorgte. Und eine Entwicklung, die langsam an ihre Grenzen kommt.

Denn schon bevor uns die aktuelle Krise die Schwächen des Systems vor Augen führte, war deutlich: Hinter dem Begriff „Kostenvorteile“ verbergen sich – nicht immer, aber allzu oft – niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen oder laxe Umweltstandards. Gegen diesen Umgang mit Menschen und Ressourcen formierte sich schon vor Corona Widerstand. Es wächst das Bewusstsein dafür, dass eine Kaufentscheidung auch eine Entscheidung darüber ist, wie Menschen auf der anderen Seite des Globus leben und arbeiten. Dann kam Corona. Einzelne Betroffene und die ganze Gesellschaft leiden unter den Folgen. Die Weltwirtschaft legte eine Vollbremsung hin – und so manche Lieferkette zerriss. Der aktuelle Schock lässt Verantwortliche neu über Prozesse und ihre Netzwerke nachdenken. Viele Unternehmen merken gerade, wie gering die Robustheit dieser sorgfältig ausgeklügelten Abläufe ist. Bei geringen Lagerkapazitäten und schmalen Zeitfenstern darf nur wenig schief gehen. Das Virus sorgte dafür, dass fast alles schiefging.

Digitalisierung statt Globalisierung

Wie geht es nach der ersten akuten Phase weiter? Werden Unternehmen sich entscheiden müssen, billig auf der einen, robust auf der anderen Seite? Das eine Extrem ist das Zurück zur Globalisierung wie eh und je. Die Verantwortlichen nehmen den Mangel der Widerstandsfähigkeit ihrer Produktionsprozesse weiter bewusst in Kauf, um von den Kostenvorteilen zu profitieren. Je nach Branche gehen sie dabei auch das Risiko ein, mit diesem Weg Kunden zu verprellen. Kunden, denen Standards für Umwelt und Beschäftigte wichtig sind. Die Kaufentscheidungen nicht nur vom Preis abhängig machen. Auf der anderen Seite führt das Streben nach maximaler Robustheit – im Sinne einer hochgradig lokalen Produktion – womöglich in Nischenmärkte. Die Preise einer kompletten Vor-Ort-Fertigung nach alter Schule sind für Massenmärkte nicht durchsetzbar.

Einen Ausweg bietet das andere große Thema der letzten Jahrzehnte: Digitalisierung. Moderne Systeme und Anwendungen helfen Unternehmen dabei, stabile, lokale Prozesse aufzubauen – und die Kosten im Griff zu behalten. Ob IT-gestützte Automatisierung, Künstliche Intelligenz in der Lagerhaltung, hochgradig personalisierte Produktion: All das ist heute schon möglich. Digitalisierung beschränkt sich eben nicht auf Videokonferenzen und das gemeinsame Bearbeiten von Dokumenten. Sie ist der Schlüssel für Unternehmenserfolg in der Nach-Corona-Zeit. Sie eröffnet zwischen „geringe Kosten, aber hohes Risiko“ und „geringes Risiko, aber hohe Kosten“ einen dritten, smarten Weg. Den erzwungenen Umbruch, den Corona auslöst, sollten die Verantwortlichen in Unternehmen nutzen, diesen Weg für ihr Unternehmen vorzubereiten.

Nach der Pandemie brauchen wir mehr Digitalisierungskompetenz und weniger Kosten-Controlling. Mehr durchgängige Geschäftsprozesse und weniger Medienbrüche. Mehr Orientierung an den Werten und weniger nur am Unternehmensergebnis.

Ich bin davon überzeugt, dass Unternehmen sich diesen Themen mit Nachdruck widmen werden. Zumindest die Unternehmen, die die nächste Krise nicht unvorbereitet treffen wird.

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