Digitaler Kundenzwilling Gedanken lesen auf Datenbasis

Ein Gastbeitrag von Marcus Worbs* 4 min Lesedauer

Viele Unternehmen kennen ihre Kunden nur aus der Retrospektive. Ein digitaler Kundenzwilling ändert das grundlegend: Das KI-gestützte Abbild simuliert Verhalten in Echtzeit und liefert damit die Grundlage für treffsichere Angebote.

Als KI-gestütztes Abbild simuliert der digitale Zwilling das Verhalten von Käufergruppen und übersetzt interne und externe Datenströme in konkrete Steuerungshinweise.(Bild:  frei lizenziert / Pexels)
Als KI-gestütztes Abbild simuliert der digitale Zwilling das Verhalten von Käufergruppen und übersetzt interne und externe Datenströme in konkrete Steuerungshinweise.
(Bild: frei lizenziert / Pexels)

Die Vorstellung, die Gedanken der Zielgruppe zu lesen und Angebote punktgenau zu platzieren, fasziniert Marketing-, Vertriebs- und Kundenserviceverantwortliche seit jeher. Doch die Realität ist ernüchternd: Laut der PwC-Studie „The Customer in the Age of AI“ meinen zwar 75 Prozent der Marketingverantwortlichen, ihre Kunden gut zu kennen, aber nur 28 Prozent vertrauen ihrer Datenbasis. Die vermeintliche Nähe zum Kunden ist oft ein Trugschluss. Unternehmen speichern zwar riesige Mengen an Daten, doch das Wissen bleibt meist starr und rückwärtsgewandt. Demografische Profile und Klickpfade verraten, dass Käuferin XY gestern zwei Paar Sandalen gekauft hat, aber nicht, wie sie morgen auf ein neues Angebot reagieren wird. Ohne verlässliche Daten wird Personalisierung zum riskanten Ratespiel auf Basis von Bauchgefühl.

Hier setzt der digitale Kundenzwilling an. Als KI-gestütztes Abbild simuliert er das Verhalten von Käufergruppen und übersetzt interne und externe Datenströme in konkrete Steuerungshinweise. So zeigt er etwa frühzeitig an, welche Segmente für Cross- oder Upsell-Angebote empfänglich sind, bei welchen Kunden Absprunggefahr besteht und wie sich die Preisgestaltung auf das Kaufverhalten einzelner Zielgruppen auswirkt.

Technologie beschleunigt Entscheidungen

In der Industrie ist das Prinzip des virtuellen Zwillings längst etabliert. Bevor Ingenieure eine komplexe Turbine bauen, testen sie ihre Belastbarkeit virtuell am Computer. Der digitale Kundenzwilling überträgt diese Planbarkeit in die Kundenschnittstellenfunktionen. Er speist sich permanent aus realen Klickpfaden, Kaufhistorien und Servicekontakten. Mit virtuellen Testkunden können Teams neue Kampagnen, veränderte Produktangebote oder Preismodelle vorab gefahrlos ausprobieren. Die künstliche Intelligenz berechnet in Sekunden, wie echte Kunden reagieren würden. Das spart wertvolle Zeit, schont Budgets und verhindert teure Fehlgriffe am echten Markt.

Wie diese Logik in der Praxis funktioniert, zeigt ein Getränkehersteller: Das Unternehmen wollte seine internen Prozesse und die Produktentwicklung deutlich beschleunigen. Die Daten über das Kundenverhalten lagen zuvor in getrennten Silos, Entscheidungen basierten teils auf anekdotischem Wissen. Nach Einführung eines digitalen Kundenzwillings fließen aktuelle Kundenperspektiven in Echtzeit in neue Produktideen sowie Marketing- und Vertriebsaktionen ein. Der Aufwand für externe Marktforschung ist um 90 Prozent gesunken, da die Projektteams direkt auf relevante Insights zugreifen können. Dadurch treffen die Verantwortlichen wichtige Entscheidungen heute rund zehnmal schneller als zuvor – ein enormer Geschwindigkeitsvorteil im dynamischen Consumer-Markt. Ein Online- Weinhändler konnte durch den Einsatz eines digitalen Kundenzwillings die Kosten pro gewonnenem Kunden um 39 Prozent senken und die Conversion Rate um 19 Prozent steigern.

Ungenutztes Potenzial

Bisher ist die Technologie allerdings noch kein flächendeckender Standard. Lediglich 28 Prozent der befragten Unternehmen setzen nach eigenen Angaben eine Art digitalen Kundenzwilling erfolgreich ein: zehn Prozent berichten von einer sehr erfolgreichen und 18 Prozent von einer erfolgreichen Anwendung.

Die Studie unterstreicht zudem den Stellenwert einer konsequenten Personalisierung. 86 Prozent der Befragten halten sie für den entscheidenden Hebel, um Kundenbindung und Wiederkaufsrate langfristig zu sichern. Der digitale Kundenzwilling ist dabei ein zentrales Instrument, denn er verbindet sich direkt mit bestehenden Datenquellen wie E-Mail-Systemen, Marketing-Plattformen oder Web-Analytics-Tools, verarbeitet die Daten automatisch und organisiert sie in einer einheitlichen, abteilungsübergreifend nutzbaren Datenbasis. Dieser konsolidierte Datenpool ist eine zwingende Voraussetzung für den digitalen Zwilling, aber auch für weitere Anwendungen wie autonome KI-Agenten. Wer seine Kundendaten systematisch in einer verlässlichen Quelle zusammenführt, kommt der Vision eines wirklich kundenzentrierten Marketings – das sich bisweilen anfühlt wie Gedankenlesen – ein entscheidendes Stück näher.

In drei Phasen zum digitalen Kundenzwilling

Der Aufbau eines digitalen Kundenzwillings folgt einer klaren, dreistufigen Logik.

Phase 1: Vision entwickeln – Customer Digital Twin Vision

Am Anfang steht die strategische Grundlage. Das Team definiert, welchen konkreten Mehrwert der digitale Kundenzwilling schaffen soll. Welche Use Cases sind relevant? Welcher Business Case trägt die Investition? In einer Bestandsaufnahme bewertet das Team bestehende Daten, Tools und Kompetenzen. Diese bildet dann die Basis eines Governance-Frameworks, das den Weg vom ersten Piloten bis zur Integration in das Operating Model beschreibt.

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Phase 2: Zwilling modellieren – Piloting & Prototyping (MVP)

Steht die Grundlage, geht es in die Umsetzung. Das Team wählt die passende Plattform aus und baut den ersten Prototypen des digitalen Kundenzwillings. Relevante Datenquellen werden identifiziert und angebunden – sowohl interne Systeme wie CRM und Marketing-Plattformen als auch externe Datenpools. Mithilfe der KI entwickelt und verfeinert das Team anschließend erste Kundenprofile.

Phase 3: Erkenntnisse skalieren – Digital Twin Expansion

Die gewonnenen Erkenntnisse werden genutzt, um interne Prozesse und Workflows zu optimieren sowie neue Umsatzpotenziale zu identifizieren und zu bewerten. Der digitale Kundenzwilling wird in dieser Phase kontinuierlich weiterentwickelt. Neue Datenquellen werden angebunden und jede Interaktion mit dem System schärft die Prognosen.

Mehr als ein Technologieprojekt

Ob der digitale Kundenzwilling sein Potenzial entfaltet, entscheidet sich allerdings bereits auf einer anderen Ebene. 45 Prozent der Befragten nennen Change-Management und das Enablement der Teams als wichtigsten Erfolgsfaktor für KI-Projekte, 43 Prozent eine saubere Datengrundlage. Beide Faktoren sind organisatorische Aufgaben. Die richtige Technologie ist ein Teil der Erfolgsformel – aber es braucht auch Menschen, die Silos aufbrechen, Daten zusammenführen und aus ihnen ein belastbares Bild ihrer Kunden formen.

Die Ergebnisse der Studie

Die PwC-Studie „The Customer in the Age of AI – Strategie, KI und Transformation“ basiert auf einer Befragung von 450 Führungskräften aus deutschen Unternehmen. Sie zeigt, wie eng Datenkompetenz und moderne KI-Technologien mit dem Geschäftserfolg verknüpft sind.

  • 28 Prozent der Unternehmen haben einen digitalen Kundenzwilling zur Personalisierung bereits erfolgreich oder sogar sehr erfolgreich im Einsatz.
  • 86 Prozent der Entscheider sind überzeugt, dass konsequente Personalisierung der wichtigste Treiber für langfristige Kundentreue und Wiederkaufsraten ist.
  • 53 Prozent der Unternehmen nutzen KI bereits im Vertrieb und Marketing, viele stoßen bei der echten Skalierung ohne integrierte Datenarchitekturen jedoch an Grenzen.

*Marcus Worbs ist Partner und Head of Customer Growth bei PwC Deutschland.

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