Digitale Barrierefreiheit im B2B Was Unternehmen zum BFSG wissen müssen

Ein Gastbeitrag von David Dutschke* 4 min Lesedauer

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Rechtssicherheit, User Experience, Sichtbarkeit: Das BFSG zwingt B2B Unternehmen, digitale Barrierefreiheit neu zu denken – und eröffnet Spielräume für schlanke, zukunftssichere Lösungen entlang der gesamten Customer Journey.

Die digitale Barrierefreiheit gewinnt immer mehr an Brisanz. Gerade Unternehmen mit komplexen, digitalen Schnittstellen sollten sich schleunigst diesem Thema widmen und Barrieren auflösen.(Bild:  Pexels)
Die digitale Barrierefreiheit gewinnt immer mehr an Brisanz. Gerade Unternehmen mit komplexen, digitalen Schnittstellen sollten sich schleunigst diesem Thema widmen und Barrieren auflösen.
(Bild: Pexels)

Digitale Barrierefreiheit galt lange als Thema für öffentliche Websites oder soziale Einrichtungen. Doch spätestens seit dem Inkrafttreten des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes (BFSG) betrifft sie auch B2B Unternehmen. Wer Self-Service-Portale, Kundenplattformen oder Produktkonfiguratoren betreibt, muss künftig gewährleisten, dass diese für Menschen mit Beeinträchtigungen barrierefrei zugänglich sind. Gerade in technologiegetriebenen Branchen, in denen komplexe digitale Schnittstellen Teil des Geschäftsmodells sind, rückt das Thema jetzt auf die Agenda. Dabei geht es nicht allein um gesetzliche Verpflichtungen, sondern auch um Nutzererwartungen, ESG-Ziele und digitale Wettbewerbsfähigkeit.

Wen das Gesetz betrifft – und was es verlangt

Das BFSG setzt die europäische Richtlinie 2019/882 (European Accessibility Act) in nationales Recht um. Es verpflichtet Unternehmen, digitale Produkte und Services so zu gestalten, dass sie auch von Menschen mit Einschränkungen genutzt werden können. Maßstab ist die Norm EN 301 549, die auf den international anerkannten Web Content Accessibility Guidelines (WCAG 2.1, Level AA) basiert.

Betroffen sind alle Unternehmen, die digitale Services für Endnutzer bereitstellen – auch und gerade im B2B, etwa über Kundenportale, Online-Shops mit Geschäftskundenzugang oder Cloud-basierte Vertragsverwaltung. Ausnahmen gelten lediglich für Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitenden und einem Jahresumsatz unter zwei Millionen Euro. Doch selbst dort kann eine Verpflichtung durch vertragliche Bedingungen, Fördervorgaben oder Ausschreibungen indirekt greifen.

Wo in der Praxis die größten Hürden lauern

Anders als häufig angenommen, ist Barrierefreiheit nicht gleichzusetzen mit guter Usability. Eine digital übersichtlich gestaltete Oberfläche kann für Menschen mit Einschränkungen dennoch unzugänglich bleiben, beispielsweise wenn sie sich nicht per Tastatur bedienen lässt oder wichtige Inhalte für Screenreader unsichtbar bleiben.

Besonders kritisch sind komplexe Formulare, nicht barrierefreie PDFs, fehlende Alternativtexte für visuelle Inhalte sowie interaktive Module wie Produktgalerien oder Dashboards ohne semantische Struktur. Auch Navigationen ohne Fokus-Indikatoren oder ohne Sprungmarken können zur Barriere werden, gerade auf responsiven Seiten mit dynamischem Content.

Der Handlungsdruck ist hoch – das belegen aktuelle Zahlen. Eine Erhebung von Buzzmatic aus dem Jahr 2024 zeigt: Über 99 Prozent der untersuchten deutschen Online-Shops verfehlen die gesetzlichen Anforderungen an digitale Barrierefreiheit. Besonders häufig mangelt es an Alternativtexten für Bilder, einer sauberen Tastaturnavigation und ausreichendem Farbkontrast. Auch dynamische Elemente wie Formulare oder interaktive Produktansichten weisen in vielen Fällen erhebliche Schwächen auf.

Wie man mit kleinen Budgets viel erreichen kann

Für viele mittelständische Unternehmen ist das Thema zunächst eine Hürde. Dabei lässt sich mit strukturiertem Vorgehen schon mit geringem Aufwand viel bewirken. Der Einstieg gelingt am besten über eine systematische Analyse des Status quo. Werkzeuge wie der BITV-Test oder der WAVE Accessibility Checker geben erste Orientierung.

Empfehlenswert ist eine erste Fokussierung auf zentrale Elemente: Alternativtexte lassen sich meist problemlos nachrüsten, Farbkontraste können angepasst, die Tastaturnavigation aktiviert und Formulare mit eindeutigen Labels versehen werden. Auch wenn nicht alle Systeme sofort barrierefrei umgebaut werden können, lassen sich bestehende CMS-Vorlagen oft mit gezielter Konfiguration verbessern.

Nutzer profitieren besonders dann, wenn Hosting-Anbieter barrierebewusst gestaltete Templates, verständliche Dokumentation und eine technische Grundlage bieten, die sich an der EN 301 549 orientiert.

Warum barrierefreies Design mehr ist als Pflicht

Barrierefreiheit schafft nicht nur gesetzliche Sicherheit, sie verbessert auch die Qualität digitaler Angebote insgesamt. Suchmaschinen bewerten sauber strukturierten Code positiv, Sprachassistenten profitieren von semantisch ausgezeichneten Inhalten, und mobile Nutzer erleben eine klarere Navigation. UX-Tests zeigen regelmäßig, dass barrierearme Interfaces auch von Menschen ohne Einschränkungen als angenehmer empfunden werden.

Gerade im B2B Bereich kann das zum strategischen Vorteil werden: Wer digitale Angebote inklusiv und robust gestaltet, erfüllt nicht nur regulatorische Anforderungen, sondern positioniert sich auch als verlässlicher Partner in der digitalen Wertschöpfungskette. Das zahlt auf ESG-Kriterien ebenso ein wie auf Employer Branding und Kundenvertrauen.

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Beispiele, die zeigen, wie es gehen kann

Wie Barrierefreiheit konkret umgesetzt werden kann, zeigen verschiedene Praxisbeispiele. Der Online-Shop von IKEA Deutschland ermöglicht eine vollständig tastaturbasierte Navigation, setzt auf logische Fokusfolgen und verzichtet auf visuell überladene Bedienelemente. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) nutzen sogenannte Skip-Links, um Nutzerinnen und Nutzern den direkten Sprung zum Hauptinhalt zu ermöglichen. Das ist insbesondere für Menschen mit motorischen Einschränkungen eine große Hilfe.

Auch STRATO orientiert sich in seinen technischen Lösungen an diesen Best Practices. Die Kombination aus klarer Struktur, technischer Robustheit und einfach zugänglichen Inhalten hilft nicht nur bei der Umsetzung gesetzlicher Anforderungen, sondern verbessert die gesamte digitale Kommunikation.

Jetzt handeln – nicht nur der Pflicht wegen

Digitale Barrierefreiheit ist kein Trend, sondern ein fester Bestandteil moderner IT- und Kommunikationsstandards. Für B2B Unternehmen bedeutet das: Wer frühzeitig handelt, verringert rechtliche Risiken und stärkt zugleich Usability, SEO und Markenerlebnis. Die gute Nachricht: Viele Verbesserungen sind mit überschaubarem Aufwand umsetzbar, wenn man weiß, worauf es ankommt.

B2B Marketer, Webverantwortliche und Agenturen sind jetzt gefragt, das Thema Barrierefreiheit strategisch mitzudenken – als Chance für mehr digitale Relevanz und als Teil zukunftsfähiger Kundenkommunikation.

*David Dutschke ist UX Designer bei STRATO und beschäftigt sich mit benutzerzentriertem Webdesign für digitale Produkte und Services.

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